5. Juni 2014

Anmerkung: Mit diesem Text möchte ich die Situation eines physisch Gefangenen nicht mit der Situation eines Menschen in seinem Alltag vergleichen, da wohl klar sein dürfte, dass dies zwei völlig unterschiedliche Zustände sind. Mir ging es darum, eine Machtlosigkeit auszudrücken, die man fühlt, wenn man bestimmte Dinge sieht oder von Ereignissen, wie in Schweden hört.
Er ist für Joel, der für sechs Jahre in Schweden in Haft sitzt, weil er sich gegen einen Naziangriff auf einer Demonstration verteidigt hat.
Grenzenlose Solidarität!

Aus dem Tagebuch eines 17-Jährigen.
Name: Unbekannt.
Geschlecht: männlich.
Wohnort – durchgestrichen – Wohnhaft: Schweden.
Wunsch: Freiheit.
Problem: Angst und äußere Einflüsse.

29.4.2014
„Take this Life and make it yours.“ steht auf der Jacke eines Typen aus meiner Klasse und er singt das Lied von Three Days Grace in meinem Ohr während der Mathestunde. Aus dem Mund riecht er penetrant nach Apfelschorle.
Und ich weiß, dieser Mensch hat keine Ahnung.
Keine Ahnung von dem Plexiglas um uns herum.
Er hat keine Ahnung vom Aufwachen, Gedankenstrich, Essen, Gedankenstrich, an zersplitterten Christbaumkugeln zerbrechen, Gedankenstrich, Leere.
Ich zeichne einen Blitz auf unseren Tisch, denke dabei an Blitzkrieg.
Stell dir mal vor, ein Blitz schlägt ein und ein Mensch schlägt Alarm und eine Uhr schlägt halb 1 und wir alle schlagen los. Schießen los.
Pause.
Mein Gefängnis sitzt an der Stelle, an der bei anderen ein Hirn sitzt. Ich bin 17, ich bin jung, aber weder brutal noch gutaussehend, das sind Kollegah und Farid Bang, zumindest in ihrer Vorstellung. Ich fühl mich alt.
Eine gebrochene Null-Bock-Gestalt in der letzten Reihe, das bin ich.
Denke ich mir jedes Mal und gehe dabei auf und ab in meiner Zelle, wie der Panther von Rilke.
Und im Unterschied zu Maya Angelou‘s Caged Bird that Sings kann ich nur schweigen und mir die Zeit mit warten vertreiben und dem dabei Einverleiben einer aussichtslosen Situation.
Liebes Tagebuch, bitte denke nicht, ich wäre unzufrieden. Oder wütend. Oder irgendwie frustriert, nein, das ist alles nur wie eine Blindheit, die man irgendwann verliert,
Ein Zustand, den man entweder akzeptiert oder gegen den man protestiert.
Sich auflehnen kann, du verstehst, was ich mein.
Denn ich hab die Möglichkeit. Zumindest ein Stück.
Ich bin kein Panther, ich bin kein Vogel, ich bin ein Mensch.
Und ich will dir etwas über die erzählen, die sitzen.
Und warten.
Ich will dir etwas erzählen über die, deren Tagesablauf sich gliedert in 23 Stunden und eine Stunde, eine Stunde Sonne am Tag.
Aber ich kann nicht.
Ich bekomme acht, manchmal sogar zehn Stunden Sonne täglich, nachts manchmal einen Mond.
Es ist derselbe, den du siehst.
Mein Gefängnis ist nur mein Kopf. Ist der Zwang in Rollen zu passen, der Zwang der Rationalität, der Resignation. Der Zwang, nur zuschauen zu können, der nicht Realität bleiben darf.
Ist nur mein Herz, das jedes Mal schlagend schmerzt, wenn ich versuche, nicht daran zu denken.
An den Menschen, der zum Panther wird. Und das zu Unrecht.

Adorno hat mal gesagt „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“
Und Ohnmacht kommt vom Stehenbleiben, also bleib nicht stehen, sondern geh, wenn nötig, auf und ab, wenn möglich, nur geradeaus, Ausnahmen sind erlaubt.
Ich will vorwärts rennen, immer der Sonne entgegen, dir ein Stück Sonne mitnehmen, damit aus einer Stunde pro Tag zwei werden. Oder drei.
Für dich mitleben, weil du es nicht kannst.
Danger Dan sagt „Ein Problem löst sich nicht, nur weil du es vergisst.“
Ich sage, Verhältnisse werden nicht besser durch Euphemismen, Ohnmacht und Akzeptanz, sie werden nicht besser durch den Ausdruck von Beileid.
Meine Familie leidet Samstag und Sonntag am Frühstückstisch, weil ich nur auf das Weltgeschehen schimpfe.
Und alle sagen, ich soll zufrieden sein damit, wie es ist. Aber schau Nachrichten und frag dich, wie irgendjemand damit zufrieden sein kann, das widerspricht dem menschlichen Verstand, dem menschlichen Herz.
Du würdest das verstehen, aber wir haben die Chance verpasst, die Denker einfach überrannt.
Um ehrlich zu sein, haben wir uns nie gekannt.

Aber ich schreibe dich hier rein, um dich nicht zu vergessen. Damit die Welt dich nicht vergisst, damit irgendwas bleibt, während dein Sohn dich vermisst.
Ich kann rausgehen und Haltung zeigen.
Ich kann das machen, was ich wollte ohne stehenzubleiben und ich kann Kreise ziehen.
Wie der Aufprall eines Steins im Wasser.
Das sollte man, meiner Meinung nach, öfters machen.
Einfach seine Spuren hinterlassen, wenn man geht.
Denn Spuren sind frei und niemand kann sie nehmen.
Ich kann nicht dich mittragen, aber ein Schild mit deinem Namen.
Ich denke an dich und hoffe, dass du auch deine Kreise ziehst.
Hoffe, dass dich dein Sohn oft genug sieht.
Aber ich weiß, dass Gerechtigkeit anders ist.
Dabei bleibe ich.
Und das hier alles – war nur für dich.

8.5.2014
Es ist deine Entscheidung.
Vergiss das nicht.
Deine Entscheidung hinzunehmen oder abzulehnen.
Deine Entscheidung einem Wunsch nachzugehen.
Den Kopf zu senken oder gerade zu halten.
Es ist deine Entscheidung.
Deine Entscheidung, nicht zu vergessen, nicht zu vergeben, deine Ansicht zu behalten.
Und wenn du jetzt hier rausgehst, hast du vielleicht jeden Tag die Wahl, zumindest eine kleine Möglichkeit.
Du, andere nicht.
Und du hast die Verantwortung.
Nicht für den Ausgang, nicht für das Ziel, nicht für den Gewinn.
Aber doch immerhin für die Art und Weise des Umgangs.
Es ist nur dein Flüstern und dein Schrei, und es ist dein Verhalten, dein Verständnis, deine Solidarität, dein Gefängnis, deine Gedanken.
Deine Art sich Gedanken zu machen.
Deine darauffolgende Handlung.
Du kannst dich nicht raushalten, kannst nicht sagen „Ich hab damit nichts zutun“.
Und du kannst nicht einfach so leben, du musst mit deiner Vergangenheit leben, mit jeder verpassten Chance.
Keinen Tag und keine Sekunde länger lass ich mir meine Entscheidung nehmen.

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