13. April 2014

Das waren die Texte für einen Auftritt am 13. April (der mich letztendlich dazu bewegt hat, diesen Blog zu eröffnen), bestehend aus sechs Teilen:
1. Intro
2. Kurz vor der Perfektion
3. Frag mich, ob ich das kenn
4. An Tagen, wie diesen.
5. Über das Patriarchat und Feminismus
6. Outro

 

Part 1 (Intro)

Ein Herz aus Stein.
Eine Faust aus Stahl.
Ein Blick aus Silber.

Und ich schwöre mir und vor euch, nie mehr.
Ich wiederhole das Wort „nie mehr“ und lasse es wachsen, groß werden.
Nie mehr.
Nie mehr so vieles, was alles falsch war.
Nie mehr du.
Und nie mehr Schmerz.
Nie mehr kann Steine erschaffen und Stahl formen.
Ihr solltet euch „nie mehr“ merken und es oft sagen, sooft es geht.
Nie mehr ist grausam, ein grausamer Zeitvertreib.
Nie mehr hat viele Gesichter.
Aber das schönste Gesicht ist das „Nie mehr akzeptieren, zulassen.“
Denn dieses nie mehr setzt den Himmel in Brand.

 

Part 2 (Kurz vor der Perfektion)

Wir nahmen unsere Entscheidungen in unsere Hände und trafen sie, tragen sie mit nacktem Herzen.
Du stehst vor mir, der schlafende Schwan, schaust mich an und sagst:
„Das also ist unser Leben.“, deutest auf eine graue Wand, auf der „Empty“ steht.
Seitdem schreibe ich Empty auf, zeichne es, gebe ihm Aussehen und eine Existenz.
Wir haben keine Angst mehr, denn unsere Richtung ist die Dunkelheit, wenn man das weiß, überwiegt die Spannung.
Zwischen den Blicken einer unzufriedenen Generation Why und dem Heranwachsen der Last Generation hab ich mich verliebt, in das Gefühl, das Dead Promises hervorrufen.
In das Glück, das absolutes Unglück verursachen kann, wenn man es nur reinlässt, wenn man nur lernt, es auszuhalten.
Und ich hab mich verliebt in dreißig Seiten voller Verse über Bäume, in den totgesagten Park.
Der Beginn der Nicht-Akzeptanz war der Beginn der Revolution, wir bringen sie zuende, in einem Bus in Jogginghose, aufsteigendem Adrenalin und einem Kampf der anderen Art.
Dein durch Aldi beschädigtes Notizbuch wandert zu mir hinüber, das neue Beste von Bukowsky, wir trinken, um ihn zu verstehen, um ihn zu leben.
Wir haben es nie vertragen, dass wir keine richtigen Reaktionen bekamen, haben versucht, es ihnen beizubringen, denn die Antwort auf Verzweiflung war noch nie Ignoranz, hatten letztendlich doch nur uns und das Wissen darum, dass S-Bahn-Fahrten Zerstreuung bieten.
Ich hab das alles gespeichert, auch wenn du denkst, ich hätte es längst vergessen. Auch wenn wir uns nie gekannt haben.
Auch wenn ich dich verloren hab.
Aber The Rasmus ist geblieben und die Fotos sind noch da, die Videos in der Menge. Die Videos vom Harlem Shake vor dem Brandenburger Tor, erinnert ihr euch noch?
Es klingt nicht so, aber es könnte nicht perfekter sein.
Es könnte nie perfekter gewesen sein, als genau so, wie es letztendlich kam.
Ich bin nur zu Besuch in deinem Leben, aber ich zögere die Abreise hinaus und wir sollten, bevor du weiterschwimmst, noch ein letztes Mal unser Leben durchleben, die „Unser Leben zieht an uns vorbei“-Momente, weil wir ersticken vor Lachen.
Und wenn du positive Melancholie kennst, wenn du nur ein einziges Mal in deinem Leben geweint hast vor Glück, weißt du, dass du mal kurz vor der Perfektion standest.

 

Part 3 (Frag mich, ob ich das kenn)

Ich frage mich, ob du das kennst.
Ich stehe morgens auf, gehe zur erstbesten Wand meiner Zelle und klopfe „lang, lang, lang, kurz, kurz, kurz, lang, lang, lang.“ Die Nachbarn denken dann immer, ich habe Sex, aber das ist nicht wahr. Wieso kann eigentlich keine Sau mehr Morse?
Oder das Schweigen in einem Raum, sodass ein hoher Ton im Ohr entsteht. Manche denken, dass wären Mücken, aber es ist der Soundtrack der Einsamkeit, erhältlich auf CD für 15€.
Kennst du das Gefühl des Überflusses? Leider mein ich das nicht im ökonomisch-luxuriösen Sinn, sondern auf dich bezogen. Wenn Stimmen sprechen, du dir fast schon vorkommst, wie Harry, dem auch ständig ein Riddle ins Gewissen quatscht, deine Welt auf den Kopf stellt, gegen die die Realität schlicht und einfach machtlos ist, so wie du gegen deine Wirklichkeit. Und man schreibt Abschiedsbriefe, die man nie abschickt und sucht sich Orte auf der Weltkarte aus, die man nie sehen wird, nur, um diesem Gefühl, nutzlos, zu wenig und immer zu irgendwas zu sein, aber nie genau richtig, zu entfliehen.
Kennst du das Gefühl, nicht angefasst werden zu wollen, weil jede Berührung einem Messerstich gleicht?
Wenn du ein Buchstabe sein willst, denn Buchstaben sind die höchste Existenz der Welt, ich wäre gerne der Buchstabe A, denn viele Attribute dieses Buchstabens hab ich jetzt schon, sowas, wie:
Abgegrenzt, ausgegrenzt mit Ausdauer
durch sich selbst, mit sich selbst, durch eine omnipräsente Mauer,
erschaffen aus Anti-Haltung, Abneigung, Angst, Aggression und allgemeine Angepisstheit.

Ich frage mich, ob du das kennst.
Wenn dich der Schlagstock trifft, eine schwarze Rauchgestalt entsteht und dir verkündet, dass dein Wille einen Scheiß zählt.
Wenn du Scheiterhaufen baust und dich darauf stellst, als gescheiterte Existenz das Zeug unter dir vervollständigst, das blöde ist nur, dass Papier und oft auch Plastik nicht so richtig gut brennen.
Ein Wort trifft auf, trifft gezielt in deine Magengrube, Worte können retten, Worte können töten, vergiss das nicht und Worte können dir deinen Atem stehlen.
Worte sind Diebe.
Ein Wort bleibt im Raum stehen, ungefragt, unbeantwortet und man verspricht sich, weil man nur das hat, bekommen in Zukunft nur Menschen Worte, die damit umgehen können. Und ich schwöre euch, kein Mensch kann wirklich damit umgehen, außer die, die schon tot sind. Sprichst du noch oder schweigst du schon? Ikea.
Kennst du die Leere, das Vakuum deines Lebens, das manchmal auf einer Parkbank sitzt und auf dich wartet, um sich an deine Fersen zu heften? Denn die Leere braucht Platz, um leer zu sein und sie sucht sich deinen Körper aus, nistet sich ein und vertreibt die zarten Emotionen aus deinem Kopf und ich wollte hier ein Paradoxon einbauen, Emotionen sind nämlich nie zart.
Emotionen sind, wie Cops und Regierungen zusammen. Sie prügeln auf dich ein, erschaffen Gesetze, kontrollieren dein Handeln, am liebsten noch dein Denken, behindern dich in deiner freien Entfaltung und können nur dadurch beseitigt werden, dass man ihnen aus dem Weg geht, wobei das bei Regierungen schwer sein dürfte. Vielleicht sind aber auch nur die Menschen schuld, die negative Emotionen hervorrufen und sie sind die Cops, das bleibt eurer Fantasie überlassen.
Ich lasse Emotionen in meinem Kopf Spalier laufen.

Ich frage mich, ob du das kennst.
Wenn du in das Feier-Konstrukt nicht passt. Heutzutage feiern wir, um zu feiern, wir feiern den Einzug und den Auszug, den Abzug der Truppen, den Sieg gegen „Terror“-Gruppen, wir feiern den Tod und das Leben, wir feiern den Beginn der Grillsaison, wir feiern jedes Jubiläum, ob 16 oder 20 ist egal, denn wir feiern sowieso jedes Mal, wir feiern Eröffnung und das Ende des Betriebs, wir feiern Wahlen, feiern die Zahlen unseres Lebens, jeder Geburtstag ist der Beste und wir feiern das letzte Mal ungebunden sein und durch den Ausdruck „Ich feiere es“ oder wahlweise „Dich“ feiern wir auch noch Sprachen und Taten, Qualen und Plagen – der anderen -, wir feiern Aufstand und Abstand, Rebellion, das Sprengen des Knasts in unserem Kopf, die Revolution, wir feiern Accessoires, die neue Kollektion von H&M, das Attribut eines Menschen beschrieben nur durch „schon wieder verpennt“, wir feiern den verhinderten Bau der 3. Startbahn, den neuen Forschungsplan, uns selbst als Egoman, wir feiern uns und die anderen, wir feiern Tage und Nächte, das wird die Party unseres Lebens, solange, bis wir sogar den Bau einer Bushaltestelle feiern und die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn. Willkommen in der Gesellschaft des Selbstbetrugs. Aber ich hab zu der Party keine Einladung bekommen und werde ständig erfasst von „Kennst du das auch“ und der Apathie der Melancholie.

Ich frage mich, ob du das kennst.
Manche nennen es Fernweh, ich nenne es Hass auf den Alltag und liege damit meistens ganz richtig. Man will nur dann weg, wenn hier etwas nicht stimmt, nicht passt oder wenn man Nomade ist und es nicht anders kennt.
Kennst du das? Ich stelle mir Erlebnisse, Ergebnisse, Freundschaften, Beziehungen im Allgemeinen und Geschehnisse gerne als Gläser und Flaschen vor. Denn das Bild, wenn sie – religös gesprochen – ins Totenreich hinabsteigen, was sie auf kurz oder lang immer tun, passt zu dem Bild eines Glases, das hinunterfällt. Es bleiben nur Scherben und wir sind die Fakire, die darauf laufen lernen, aber an meiner Wand steht ein kleiner Satz, den ich nach einem Albtraum geschrieben hab: „Broken glass is useless, besides for cutting yourself, so leave it behind.“

Ich frage mich, ob du das kennst.
Die Bemühungen, glücklich zu werden. Man liest und lebt und klebt sich motivierende Sprüche auf die Stirn, schreibt sie sich auf die Hand, würde am liebsten sogar Klopapier mit motivierenden Sprüchen besitzen, damit die Schatten nicht kommen.
Heute waren Schatten stark, eigentlich schreib ich solche Texte gar nicht mehr.
Aber manchmal komm ich mir zu willkürlich vor, um zu glauben, dass alles gut wird.
Das fängt schon mal an bei der fehlenden Existenz der befreiten Gesellschaft und gleich kommt der VS und ich bekomm einen Prozess wegen 129a – Bildung einer terroristischen Vereinigung – dabei wollte ich eigentlich nur einen Text vorlesen. Sowas lässt Verzweiflung entstehen, Verzweiflung darüber, für immer den Zwängen zu unterliegen, die dir diktiert werden, die von dir reproduziert werden und dann aber, wenn du stirbst, nicht einmal mit dir sterben, obwohl sie in dir leben, was den Aufruf zum kollektiven Selbstmord fehlerhaft macht.
“She was a genius of sadness, immersing herself in it, separating its numerous strands, appreciating its subtle nuances. She was a prism through which sadness could be divided into its infinite spectrum.” – Jonathan Safran Foer
Die Beschreibung trifft mich nicht, um ehrlich zu sein, auch wenn sie ein perfektionierter Elativ für die Beschreibung eines traurigen Menschen ist.
Denn eigentlich bin ich garnicht traurig, nur so verdammt wütend.

Das ist meine letzte Frage an dich, ob du das kennst.
Kennst du die Gewissheit, dass niemand es kennt. Niemand haargenau dasselbe fühlt und niemand exakt dieselben Schmerzen spürt. Ich frage trotzdem manchmal nach, um so bescheuerte Antworten zu bekommen, wie: „Hä, das geht doch garnicht, flammende Kälte, das ist doch totaler Nonsens.“ oder auch „Ähm, also sorry, nimm es mir jetzt bitte nicht persönlich, aber du bist schon ein ziemlicher Emo, oder?“
Am liebsten würde ich produktiv argumentieren und sagen „Nein, ich sehe mich nicht als Emo und möchte nicht in diese Kategorie eingeordnet werden, das liegt außerhalb deiner Beurteilungsberechtigung und nein, das ist kein Nonsens, das ist ein Paradoxon oder Oxymoron, den Unterschied dazwischen versteh ich nur einfach nicht.“, aber meistens gehe ich einfach weg.
Denn ich bin zu müde, um zu verstehen und dann verkrieche ich mich zu Hesse, der abendlich mit seinen Worten auf mich wartet und er findet Worte für das, was ich denke, aber nicht verstehe.
Ich glaube sogar, dass ein paar dieser Situationen jede und jeder kennt, dass sogar Hoffnungslosigkeit allen ein Begriff ist, mit dem eine Wahrnehmung assoziiert wird, aber eben bei jedem und jeder anders.
Das ist einerseits schön zu wissen, andererseits bestätigt es Einsamkeit.
Aber vielleicht, nur ganz vielleicht, ist es unsere Aufgabe, Einsamkeit zu leben und dem Leben dadurch einen Sinn zu geben, während wir die Sinnlosigkeit im Konzept verstehen.
Nach einer Zeit ist Einsamkeit, die von innen kommt, meine persönliche Vollendung der omnipräsenten Mauer, nicht mehr schlimm. Sie ist, wie eine Hand, die man einmal in seinem Leben nehmen oder ablehnen kann.
Sie legt mir Worte in den Mund.
Ich hab sie damals genommen.
Seitdem liege ich Tag und Nacht wach, forme Worte, gebe ihnen Existenz und einen Sinn und solange die Worte einen Sinn haben…
Man sollte Versprechen halten, anstatt sie immer nur zu geben.
Hör auf Morse zu leuchten und fang an Worte zu leben.

 

Part 4 (An Tagen, wie diesen.)

Liebes Tagebuch,
In meiner heutigen Abhandlung des Tagesverlaufs möchte ich einige bestimmte Überlegungen, basierend auf empirischen Fallbeispielen, meines Lebens beleuchten, da es Repititionen zu sein scheinen.
Am Morgen bin ich in meinem Badezimmer gestanden, in meinem eigenen Rampenlicht, das Radio hab ich nebenher laufen lassen.
Und mit dem Radio, das lief, rannte auch das Little Girl der Beatles um sein Leben.
Ich war zufrieden, doch mit einem Mal begann Will.I.Am ein Lied mit Miley Cyrus zu singen. Ich übersetzte mal so grob im Kopf:
„Mädchen, du bist ein Fahrstuhl, weil du mich mitnimmst.
Mädchen, du bist ein Arzt, wenn ich krank bin, du nähst mich.
Du könntest mein DJ sein, ich bin deine Aufnahme, komm und misch mich durcheinander.“
Das ging noch ein bisschen so weiter, das Mädchen wurde zum Dauerlutscher, zur Limo, sie wurde aufgefordert, Schlagsahne aufzuschlagen und der Refrain endete, als sie zum Abfall wurde.
Früher sagte man sich, dass man sich mag und verglich sich mit Blumen, mit Sommernächten oder mit Glück. Heute ist man Abfall.
Ich hasse Dinge, die ich nicht verstehe und überlegte, dass Leute sowas auf Partys laut mitgröhlen. Dann schaltete ich das Radio aus und hatte wenigstens verstanden, warum ich Charts so hasse. Meine Schwester hörte im Nebenzimmer Backstreetboys, in deren Texten es darum ging, dass sie ihrer Freundin niemals wehtun wollen, während der nächste Text ankündigte, sie solle nicht wachbleiben um zu warten, denn er müsse sie leider betrügen. Ich wurde irgendwie wütend.
Am Vormittag hab ich mich mit meiner Hobbypsychologin getroffen und ihr von meinem Hass erzählt, aber ihre einzige Reaktion daraufhin war: „Du, ich glaube, du hast da eine leichte chronische, subtile Aggression, aber Hass ist schon etwas sehr Absolutes, hassen ist ein hartes Wort, vielleicht solltest du mit Menschen reden, wenn dich was stört. Nimm‘s mir nicht übel, aber du hast das psychologische Profil einer neun-Jährigen.“
Ich dachte mir in dem Moment, dass ich sie hasse, denn sie begann mir von einem Schauspieler zu erzählen. Als ich anmerkte, dass mir der Name nichts sagte, rief sie empört aus: „WAS?! Du kennst den nicht?!“. Da hab ich beschlossen, ihr nächste Woche Malatesta vorzulesen und, wenn sie schließlich fragte, wer das denn überhaupt sei, würde ich ganz verstört ausrufen: „Was?! Du kennst nicht Malatesta, einen wahnsinnig bedeutenden Anarchisten und vielleicht sogar Insurrektionalisten der Vergangenheit? Shame on you, ich will nichts mehr mit dir zutun haben!“
An der Bushaltestelle blickt mich eine heulende Teilnehmerin des Dschungelcamps von einem RTL-Plakat an und sagt: „Die härteste Prüfung von allen und denen, die noch kommen.“ und ich frage mich, was sie bis jetzt für Prüfungen bestehen musste. Ich muss in diesem Moment ungefähr so ausgesehen haben, wie Jack Sparrow, während sich die Black Pearl im dritten Teil in Davy Jones Reich allmählich wieder in Bewegung setzt. Ich stieg in den Bus ein und stellte mich ans Fenster, während ich sah, wie ein Tampon in Zeitlumpe langsam aus dem Bus auf die Straße rollte. Ich sah mich um, es war meiner, ein Mann lächelte mich aufmunternd und freundlich an.
Am Abend bin ich auf ein Punk-Konzert gegangen, ich weiß nicht mehr, wie die Band heißt, ich glaube, irgendwas mit Kotze. Alle bewegten nur ihren Kopf, immer so.
Deshalb tanzte ich nicht, denn ich tanze gerne Oldschool, wiederhole immer die eingespielten Bewegungen, aber ich tanze nicht so gerne.
Ich hab immer mehr Verständnis für Misanthropie, um ehrlich zu sein.
An Tagen, wie diesen wünsche ich mir zwar keine Unendlichkeit, eher eine Kettensäge und ein Klappmesser. Liegt aber vermutlich an meinem psychologischen Profil.
Bis dann

 

Part 5 (Über das Patriarchat und Feminismus)

Worte erschaffen und konstruieren Realität, gnadenlos, grausam, gültig und ich weiß nicht, ob ich diese Realität wirklich will.
Masken tragen ist leichter, als Wahrheit halten, nach Wahrheit fragen.
Und ich werde ständig belächelt und belabert wegen augenscheinlicher Komplexe, die ich hab, aber merk dir: Komplexe sind komplexe Existenzen.
Es ist schwer, einem Druck standzuhalten, der von innen und außen auf mich eindrückt und mich brechen will und als er mich das letzte Mal gebrochen hat, hab ich daraufhin gebrochen, viel zu viel und viel zu oft, aber ich rede darüber nicht, denn das passt nicht in mein patriarchales Konzept von Stärke und es passt nicht in mein eigenes Konzept von Feminismus.
Paradox, oder? Was meinst du, wie es mir ging, als ich feststellen durfte, dass mein Verhalten kein Aufstand gegen, sondern eine Anpassung an das Patriarchat ist?! Aber sei ehrlich und nenn mir Alternativen.
In einem Konzept von Unterdrückung und Zwang hast du die Wahl zwischen Passiv und Aktiv, passiv aushalten oder aktiv angleichen. Heraus kamen dabei männliches Mackertum, breitbeiniges Pöbeln und gleichförmige Ablehnung von allem, was weiblich definiert wird, angefangen bei Kleidung, beendet beim Zeigen von Gefühlen.
Aber so funktioniert der Plan nicht und so funktioniert das Leben nicht, hab ich spät verstanden, aber besser, als nie, oder?

Gib mir eine Antwort auf die Fragen, die ich mir seit Jahren stell und sag mir, was mich in die Rolle zwingt, denn es kann nicht sein, dass es nur das große P ist, das selten definiert, oft ignoriert, nie reflektiert und ständig akzeptiert wird. Und sag mir, warum du mich so selten ernst nimmst, wenn ich es will und warum du mir Aggression nicht zutraust und sag mir, warum Typen nie gefragt werden, warum sie Kampfsport machen, ich aber einmal pro Woche und erklär mir, warum meine Verzweiflung, die sich durch aggressive Verhaltensmuster ausdrückt, als „süß“, „witzig“ oder „liebenswert“ wahrgenommen wird.
Im Gegenzug erkläre ich dir, warum ich mich so selten zeige, warum ich Komplimente meide und mich mein eigener Körper anwidert, ich alles an ihm ablehne mit Abneigung.
Die Geschichte dieses Körpers ist lang, so lang, wie der Weg aus der Hölle.
Ich hab sie vergessen, verdrängt im Angesicht der blassen Haut. Und ich hab die Reduktion auf die Haut, die um Formen gespannt wurde, viel zu oft erlebt, um mich noch an Komplimenten zu erfreuen, also überleg es dir neu.
Am liebsten würde ich diesen Körper immer hinter einem Schwall von Worten verstecken, denn sie sind aussagekräftiger, als eine Ansammlung von Knochen und Fleisch, die letztendlich als Staub und später als Nichts endet. Jedes liebe Wort darüber bedeutet Reduktion und Nicht-Wahrnehmung dessen, was mir wichtig ist, wie verdreht kann man glauben? Wenn mein Körper für mich spricht.
Und ich meide Körperkontakt und wirke oft distanziert, aber das ist eine notwendige Transzendenz mit Tendenz zur Trance.

Ich hab keine Ahnung, wie ich jemals aus meinem Konzept des Körpers ausbrechen und gleichzeitig nicht in das Konzept des sexistischen Konstrukts einbrechen soll, wohl – unmöglich, denn die Gedanken sind zu stark. Denn sie sind Komparativ, Superlativ oder sogar Elativ, aber ich bleibe immer der Positiv und dazu primitiv. Ich hab Angst vor dem Zeiger der Uhr und manchmal dem der unzähligen Waagen, an schwanchen Tagen
Hab ich Angst, irgendwann so zu werden, wie alle anderen. Lang gewordene Haare in den Nacken zu werfen und überspitzt und unauthentisch hoch zu lachen. Angst, mich damit abzufinden, mit der Realität, die ich gerade reproduziert hab. Angst, nicht mehr weinen zu können.
Angst, mich im gleichförmigen Strom wohl zu fühlen.
Und manchmal hab ich sogar Angst vor den Kommentaren, Angst vor den Gesichtern und Angst vor den Blicken, die wehtun, wie Worte. Dann hab ich Angst vor ihm, dem Wort mit P und dem Wort mit S, dann hab ich Angst vor euch.

Aber merk dir eins:
Ich werde nie die anderen L.s sein, so sehr sich das irgendwer auch wünschen mag und auch wenn sie sich letztendlich immer für die anderen L.s entscheiden, Ich will und kann nur Ich bleiben.
Und ich werde nie dem entsprechen, was sich Erwartung nennt, ich entspreche dem Anspruch einer lilanen Faust in meinem Kopf, zumindest dann, wenn ich es schaffe, dann, wenn ich mich auf mich selbst und nur darauf verlasse.
Und ich wurde nie gefragt, ob es mich verletzt, aber ja, das tut‘s.
Und ich wurde nie gefragt, ob ich zufrieden mit mir wär, aber ja, ich wär‘s.
Wenn da nicht der von mir und euch erschaffene Zwang wäre, ein einziges großes Anti zu sein. Und ich will keine Kleider tragen, ich will keine pinke Wohnung, ich will nicht sein, um zu beeindrucken.
Ich trainiere nicht nur gegen euch, sondern gegen mich mit kleiner Nebenintention, weil ich meinen „Schutz“ direkt nach Aktion, in der der Macker überflüssig war, selber niederknüppeln muss, um meine Unabhängigkeit zu fühlen.
Und du erzählst mir was von Emanzipation und Feminismus und träumst vom rosa-pinken Prinzessinnen-Dasein an der Seite eines Königs mit getragenen Koffern, einem Leben im goldenen Käfig, das als Freiheit definiert wird und Abhängigkeit, die als Liebe begriffen wird.
Es ist bis zu einem bestimmten Grat deine Sache, wie du Feminismus definierst und ob du das als solchen bezeichnest, ich jedenfalls tu‘s nicht.
Vielleicht ist für mich Feminismus ein Stück weit alleine sein. Alleine mit sich, um erstmal mit mir selber klarzukommen, lernen wieder umzugehen.
Vielleicht ist mein Feminismus, hier zu stehen, mit Augenringen und was zu sagen, was ich noch nie gesagt hab, worüber ich noch nie gesprochen hab. Vielleicht findet meine Revolution grade im Kopf statt und wird Schwarz auf Weiß dann doch Realität.

Damals hab ich weite Klamotten getragen, damit man nicht sieht, wie mir Hunger ein Loch in den Bauch frisst, heute trag ich sie, weil sie mir gefallen, aber damals hat es keinen gejuckt, heute werd ich schief angeguckt, aber wo ist da die Logik?
Ich hasse heute noch die Sätze, die beginnen mit „Du bist“, denn sie beurteilen, ordnen ein, verändern, verwandeln, setzen dich hieb- und stichfest und maßen sich Macht an, die sie nicht besitzen. Niemand kann euch sagen „Du bist“, „Du bist“ kann nie alleine stehen.

Und über der Kloschüssel hab ich mir geschworen, dass ich die Stimmen in meinem Kopf nicht gewinnen lass, die ihre Sätze mit „Du bist“ beginnen, mir von besseren L.s auf dieser Welt erzählen und von schöneren Frauen und dünneren Bäuchen und Beinen.
Und dass ich die Menschen nicht gewinnen lass, die mich in die Rolle einer perfekten Frau mit langen blonden Haaren und Kleid zwängen wollten und die mich bewusst oder unbewusst zu unterdrücken versuchen und die mich nicht verstehen und sich nichtmal dabei Mühe geben. Die Menschen, die mich aufgegeben haben für etwas Anderes, für einen anderen Ort, für Sex, für Geld, für andere Leute, ein anderes Morgen, ein anderes Heute, für ein Konzert von angeblich unschätzbarem Wert und für ein besseres beschissenes Leben.
Und ich hab mir geschworen, nie mehr schwach zu sein, nie mehr klein zu sein und nie mehr zuzulassen, dass mich irgendjemand klein macht, wenn auch nur durch beschissen gewählte Worte und merk dir meinen Anfangssatz.
Wie oft hab ich diesen Schwur gebrochen, ob besoffen oder nüchtern ist egal, und wie oft hab ich mich danach verflucht für meine eigene Dummheit.
Aber wenn man ein Versprechen gegenüber sich selbst bricht, ist die Lösung des Problems nicht, es aufzugeben, sondern ihm nachzugehen, wieder und wieder, genauso, wie Menschen, die man eigentlich mag.
Und ich bekam das Attribut „Nie genug“, nun tausch ich es ein gegen „Verdammt stolz, ich zu sein.“ und das solltest du auch tun, denn es ist deine Verantwortung zumindest deine Version von dir selbst in dieser Welt zu realisieren.
Ob du Plan B oder 2. Wahl bist, entscheidest du mit deinem Handeln und deinen Gedanken, das klingt vielleicht abstrakt und utopisch, der Ansatz ist nicht leicht, aber logisch und zumindest versuchen kann man‘s ja mal, oder?

Denn eines Tages will ich den Worten wieder glauben können, Worten, wie „Du siehst heute aber schön aus.“ oder „Ich mag deine Haare.“ oder so.
Und eines Tages will ich kämpfen in einem Ring, gegen einen Mann, ganz einfach, weil ich es irgendwann kann und
Eines Tages will ein Buch schreiben, in der die Heldin sich am Ende nicht verliebt, sondern alleine glücklich ist.
Eines Tages will ich auch glücklich sein, ob allein oder nicht ist mir egal, aber auf jeden Fall frei.
Bis zum einen Tag ist eine lange Zeit, ein langer Weg, NMZS hat gesagt, ich muss diesen Weg alleine gehen.
Ich glaub nicht, dass da irgendein großes Ziel ist, ich glaub nicht einmal dass ich alle „Eines Tages“-Ziele wahrmachen kann. Und dieser Text endet nicht mit optimistischem „Yeay, und dann sind wir alle glücklich und zufrieden und sind alle geblieben, wie wir schon immer waren, nur mit mehr Erfahrung.“ und auch nicht mit „Also lasst uns rausgehen und gemeinsam kämpfen und für Liebe und Friede eintreten, mit Peace-Zeichen als Ketten und Friedenstauben als Haustieren.“, das ist einfach nicht mein Stil.
Es geht darum, Haltung zu zeigen.
Sich nichts vormachen zu lassen.
Sich, wie Adorno gesagt hat, von der eigenen Ohnmacht nicht dumm machen zu lassen.
Es geht darum, eine eigene Stimme im Kopf zu werden, die dir sagt, dass du nicht so macht- und hilflos bist, wie du dich vielleicht fühlst.
Letztendlich darum, Realität nicht mehr zu reproduzieren, sondern zu dekonstruieren, um sie neu zu schaffen.
Und es bleibt bei diesem ganzen komplizierten Diskurs am Ende ein Contra in Form einer
Faust für Feminismus!

 

Part 6 (Outro)

1 Toilettenkabine.
2 Mädchen, 15 und 16 Jahre alt.
3 Schwangerschaftstests.
Keine Zeit, um Angst zu haben.

Blaue Nacht.
Blauer Geist.
Blaues Auge.
Keine Zeit, um Angst zu haben.

Die Straße brennt.
Die Barrikade brennt.
Die Nacht brennt.
Keine Zeit, um Angst zu haben.

3 flüsternde Schatten.
2 schreiende Erinnerungen.
1 Schlag auf den Tisch.
Und das Versprechen: Nie mehr.

Ich komme zurück mit meiner Entscheidung im Gepäck, ich treffe sie, anstatt dich zu treffen. Manche sagen nie mehr.
Vergiss nicht den Tag, der bewölkt begonnen und verraucht geendet hat, mit Flammen auf den Straßen und Flammen im Kopf, mit Feuer bei der Sache, sozusagen, du und ich.
Vergiss mich nicht, Berlin, und vergiss deine zu schnell schließenden U-Bahntüren nicht, vergiss die Rückseite der East Side Gallery nicht, die wir Piece für Piece abfotografiert haben?
Vergiss die Donnersbergerbrücke nicht, die Wiese, auf der wir lagen, die bescheuerte BMW-Welt, die unsere Welt klein erscheinen ließ. Egal, was passiert, vergiss zu Milchbrötchen niemals die Schokomilch!
Vergiss das Karamell-Zimmer nicht und vergiss nicht die Geschichte, wie Osiris zum Totengott wurde.
Die Operation „Smash the mirrors“ und unser Plan zur Selbstbestimmung darf kein jugendlicher Leichtsinn gewesen sein. Nimm den Vorschlaghammer, Spiegel sind Lügner.
Jeden Morgen, du wirst gefeuert, wenn du es vergisst: De Brainstorming, in Liebe!
Vergiss nach dem Bärlauch-Essen den Zähnecheck nicht und vergiss nicht, ab und zu ein Blatt und ein bisschen Stein zu bemalen.
Vergiss verstaubte, aber lebendige Verse nicht, am allerwenigsten vergiss, dass du es auch kennst.
Nie mehr.
Meine Entscheidung.
Nie mehr einen Song nicht anhören, weil man das Ende nicht erträgt.
Nie mehr etwas aus Angst nicht tun.
No Fear.

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