Ein Plädoyer für die Straße!

Der Syntagma Platz in Athen ist einer der Hauptplätze in Athen: Dort liegt das Parlamentsgebäude, direkt daneben der Nationalgarten, von diesem Platz aus gelangt man eigentlich überall hin.
Egal, an welchem Sommerabend man dort ist, immer ist etwas los, bis tief in die Nacht hinein: Jugendliche fahren Kunstrad, tanzen Breakdance, Kundgebungen finden spontan statt und es tönt laute Musik aus mehreren Ghettoblastern, deren Besitzer_innen sich darum streiten, wer den besseren Musikgeschmack hat.
Es ist vollkommen selbstverständlich, dass dieser Platz den Bewohner_innen Athens gehört und daher die Ghettoblaster-Besitzer_innen nicht jede Nacht eine Anzeige wegen Ruhestörung bekommen und die Jugendlichen immer aufs Neue verjagt werden.
München wirkt hingegen vor allem nachts auf vielen Straßen, wie eine Stadt, in der Menschen zwar draußen arbeiten, einkaufen gehen, Termine haben, aber nicht wirklich leben.

Das Leben findet hier nämlich weniger auf den Straßen statt, als vielmehr in überteuerten Bars und Clubs – und wenn draußen, dann nur an der Isar oder im Englischen Garten – nur im Sommer, versteht sich. Schade eigentlich, dabei stellt eine intensive Nutzung des öffentlichen Raums ein ganz anderes Stadtbild her:
Wo sich Leute ganz entspannt zwei Klappstühle auf den sowieso breiten Gehweg stellen, um ihr Feierabendbier zu genießen, wo Spätis alias Call Shops nicht nur an der Isar und einigen vereinzelten Orten im Westend oder Schwabing zu finden sind und wo man nicht bei jedem Dezibel mehr befürchten muss, dass gleich die Polizei auf der Matte steht, macht es tatsächlich Spaß, auf den Club für vierzehn und den Cocktail für acht Euro zu verzichten und stattdessen in netter Runde auf der Straße abzuhängen.

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Natürlich, es gibt Regelungen, die die all zu braven Bewohner_innen dieser Stadt davon abhalten, nichts auf die üblichen Konventionen zu geben und den öffentlichen Raum stärker für sich zu beanspruchen. Aber gewisse Möglichkeiten wären da trotzdem noch vorhanden, vor allem in Vierteln wie dem Westend, wo es King Butts und Call Shops gibt, die bis 23 Uhr offen haben.
Außerdem: Selbst wenn die Voraussetzungen hier nicht die Besten sind, lassen sich Änderungen verwirklichen. Das muss nicht, kann aber im Kleinen losgehen: Ab und zu mal seinen Feierabend auf die Straße verlegen und dies nicht alleine zu tun, ist vielleicht eine viel angenehmere Auszeit, als Netflix, mit der Packung Chips als einziger Gesellschaft.

Wenn alle immer behaupten, München wäre eine so langweilige Stadt, trist und grau, dann haben sie damit zumindest in großen Teilen Recht. Aber die Lösung des Ganzen ist nicht einzig und allein der Umzug ins hippe Berlin, sondern auch das Gefühl von Freiraum nach München zu holen. Denn auch Städte wie Hamburg und Berlin leben davon, dass die Menschen wie selbstverständlich Zeit auf den Straßen verbringen, mit oder ohne Musik, Bier und guten Gesprächen.
Ob man es glaubt oder nicht – München hat dafür Potenzial, auch wenn es hier noch Einiges zu erstreiten und erkämpfen gibt.
Was aber mindestens genauso viel zählt wie all die äußeren Umstände ist die Einstellung, dass man die Stadt, in der man lebt, und ihr Bild durch eigene Präsenz prägen und gestalten kann und dass man dazu auch ein Recht hat. Denn aus wem besteht denn diese Stadt letztendlich? Aus denen, die in ihr leben. Also gehört ihnen diese Stadt auch – oder etwa nicht?

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