Magic City – eine Kunstform braucht ihren Kontext

In München findet im Moment eine Ausstellung mit dem Namen „Magic City“ statt. Das Thema ist Street Art im weitesten Sinne und das Setting, die Location, ist die kleine Olympiahalle.
Eigentlich wollte ich diese Ausstellung gar nicht besuchen, weil ich sie zutiefst widersprüchlich finde. Aber ich wollte wissen, ob sie tatsächlich so unreflektiert ist, wie ich sie mir vorstelle und hatte die Möglichkeit, ihr einen Besuch abzustatten. Man muss manchen Dingen ja durchaus eine Chance geben, um sie danach beurteilen zu können.

Am Anfang der Ausstellung wird ein Film gezeigt, der die Entstehungsgeschichte von Graffiti und Street Art zeigt, wobei Graffiti und Street Art irgendwie gemeinsam verhandelt werden, was problematisch ist.
Bei Street Art liegt der Fokus auf dem künstlerischen Aspekt, es ist ein sehr weiter Begriff für alle möglichen Formen von Kunst, die im urbanen Raum auftreten. Graffiti hingegen ist meiner Meinung nach ein Teil davon, der bestimmte Ausdrucksweisen und Codes besitzt. Graffiti ist beispielsweise meist illegal, wenn nicht bestimmte Flächen in Städten zum Malen legalisiert wurden. Auch die Entstehungsgeschichte von Graffiti spielt sich im Kontext der Illegalität ab.

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Daze – früher hat er U-Bahnen bemalt, dann kamen das Atelier und die normalen Wände.

Trotzdem ist die Darstellung der Geschichte einigermaßen korrekt: Wichtige Personen, wie Lady Pink werden benannt und gezeigt und auch die Kriminalisierung von Graffiti wird ganz deutlich thematisiert und hervorgehoben. Das war eine erste Befürchtung von mir, die nur in Teilen eingetreten ist: Dass nicht zur Genüge klar wird, wie stark Writer – besonders in Städten wie München – von Repression betroffen sind und was es eigentlich inzwischen bedeutet, beim Sprayen erwischt zu werden – Stress, Geld, und noch mehr Stress.

Nun, in der Ausstellung zeigen dann Künstler_innen ihre Form von Street Art. Die Auswahl dieser Personen und Kunststile ist vielseitig und verschieden. Alle gewählten Künstler_innen haben ein gewisses gesellschaftliches Standing: Niemand würde zum Beispiel die Truly-Crew als „Schmierfinke“ betiteln oder ihre Kunst als „Schmiererei“, was sich doch alle Writer, die illegal einen Zug bemalt haben, früher oder später anhören müssten, wenn ihre Tat bekannt wäre – egal, wie gut sie malen.

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Das Werk der Truly-Crew.

Street Art wird in dieser Ausstellung von seiner befriedetsten Seite gezeigt. Natürlich haben die Künstler_innen oftmals politische Anliegen, auf die sie aufmerksam machen und ihre Arbeiten kann man trotzdem für gut, beeindruckend und wunderschön befinden. Aber es sind eben „makellose“ Bilder von Leuten, die teilweise für Geld Stadtwände verschönern und so unkommerzieller, freier Kunst den Raum nehmen.

Und natürlich ist einer solchen Ausstellung ein Widerspruch inhärent. Wir sprechen von „Street Art“, also von Straßenkunst. Sie trägt den Ort, an dem sie stattfindet, im Namen, wird aber durch eine solche Ausstellung ihrem Kontext entrissen. Street Art gehört aber nun einmal auf die Straße und alle Werke wären beeindruckender, wenn sie in dem Kontext blieben, in den sie eigentlich gehörten. So wird nämlich aus der Straßenkunst nur Kunst, die an künstliche Wände geheftet wurde. So richtig will das Bild einfach nicht stimmig werden.

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Herakut – Das Team transportiert viele politische Messages, aber die wären auf der Straße schöner, als in dem künstlichen Setting.

Es stellt sich auch die Frage, ob es eine Ausstellung zu Street Art braucht, wenn eine weitere Eigenschaft von Street Art ist, dass sie überall auffindbar ist. Die eigentliche Ausstellung befindet sich woanders. An der Münchner Stammstrecke, an tausenden Wänden der Stadt, in verlassenen Lagerhallen, auf Zügen, in U- und S-Bahn-Tunneln, sogar auf Mülleimern und Stromkästen. Aber diese Kunst will niemand sehen, denn sie ist ungehorsam und passt nicht in das Stadtbild des so sauberen Münchens.
Diese Stadt findet nach wie vor keinen Umgang damit, dass Kunst außerhalb von Ateliers und Galerien stattfinden kann. Und das, was sich der Ordnung der Stadt entzieht, wird leider nach wie vor bekämpft.

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Und auch dieser Zug wäre in echt und groß und vorbeifahrend noch schöner, denn als kleines Modell in einem weißen Raum.
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