Comics und Politik? „Kobane Calling“

Comics waren nie wirklich mein Medium… Ich habe in der fünften, sechsten und siebten Klasse ab und zu Manga-Hefte gelesen, mir die eine oder andere Zeitschrift gekauft, davor habe ich alle Asterix-Hefte gelesen, aber Bücher, in denen keine Bilder, dafür viele Wörter stehen, waren immer meine erste Wahl.
Umso mehr dachte ich, Comics sind irgendwie apolitisch – ein politischer Comic, was sollte das sein? Was soll denn da übermittelt werden, in dieser Form des Erzählens? Alles mögliche, aber sicherlich keine politischen Inhalte.

„Kobane Calling“ hat insofern meinen Blick auf Comics ziemlich verändert: In keinem Artikel einer Zeitschrift und auf keinem Blog habe ich mehr über Kobane erfahren, als durch diesen Comic. Auf ihn gekommen bin ich, als eine Veranstaltung in München mit dem Zeichner, Zerocalcare, stattgefunden und er von dem Comic und seiner Reise nach Kobane erzählt hat.

Der Comic hat eine ganz besondere Art und Weise, uns Kobane und das, was dort passiert, näher zu bringen, verständlicher zu machen. Es ist keine klassisch-linke Helden-Abenteuer-Erzählung, weil der Zeichner sich selbst als Hauptfigur im Comic vollkommen anders dargestellt hat. Er ist nicht der coole linke Typ, der nach Kobane fährt, um da „so richtig was zu reißen“, sondern ein Mensch, der sich während der gesamten Reise ständig fragt, warum er das macht, der von Zweifeln geplagt ist und der an vielen Punkten seiner Reise auch kaum Mut verspürt.

Außerdem transportiert das ganze Werk unglaubliche Begeisterung für das Projekt Rojava überhaupt, genauso wie es die ständige Konfrontation mit dem IS, die zu unbeschreiblicher Angst führt, auf besondere Art und Weise vermittelt und sie ins Bewusstsein der Lesenden rückt – durch Bilder, durch Zeichnungen, durch gekonnte Visualisierung. Gleichzeitig liest sich „Kobane Calling“ an vielen Stellen überaus witzig dadurch, wie der Zeichner sich darstellt und mit sich selbst ins Gericht geht.

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Bei der Veranstaltung hat Zerocalcare des Öfteren gesagt, dass er und seine Genoss_innen in Kobane wahnsinnig viel über sich selbst gelernt und reflektiert haben und alle, die dort waren, sich nach ihrer Rückkehr stark verändert hatten. Das ist auch im Comic deutlich spürbar, was eine andere Nähe zur_m Leser_in schafft: Weil man all die Ängste und Zweifel und Verhaltensweisen des Protagonisten durch die vorangegangene Reflexion, die immer auch ein Versuch der Abstraktion ist, sehr gut nachvollziehen kann, wirkt der Protagonist und seine Geschichte präsenter, erfahrbarer.

Viele Situationen auf seiner Reise werden erst durch Zerocalcares Visualisierung so eindrücklich, wie sie letztendlich bei der lesenden Person ankommen. Am Anfang habe ich gedacht, dass ein Comic nie so viel Eindringlichkeit, so viel Emotion, so viel Inhalt transportieren kann, wie ein geschriebenes Buch. Aber bei „Kobane Calling“ hatte ich viel mehr das Gefühl, dass gerade durch seine Form als Comic ganz andere, für den Zeichner wichtigere Aspekte dargestellt wurden, als dies nur mit Wörtern möglich gewesen wäre.

Ich würde euch aus diesen Gründen ganz eindringlich raten, den Comic zu lesen und so Zerocalcare auf seiner Reise zu begleiten und mitzufiebern. Erschienen ist „Kobane Calling“ im avant-verlag und dort kann man ihn auch bestellen. Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, öfter mal Comics zu lesen…

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