Tür an Tür. Und niemand kennt sich?

Ich habe seit ein paar Tagen wieder WLAN und fühl mich irgendwie wieder auf eine seltsame Art und Weise „integriert“. Der Umzug ist geschafft, wir haben einige Unannehmlichkeiten meistern müssen, aber jetzt haben wir eine Wohnung, an der wir hoffentlich sehr lange Freude haben werden und die sich hoffentlich auch bald wie Zuhause anfühlen wird. Im Moment ist es nämlich mehr so ein Air B’n’B-„Wir ziehen morgen wieder aus“-Gefühl.

Und mir ist etwas aufgefallen, was ich äußerst seltsam finde: Man zieht in eine Wohnung ein und weiß, dass man gerade im selben Haus lebt, wie einige andere Menschen. Man teilt sich quasi gemeinsam ein paar Quadratmeter, die eben auf mehrere Stockwerke verteilt sind. Man verlässt sich darauf, dass die Nachbarin unter einer nicht morgen ihre Bude abfackelt und der Nachbar nebenan nicht den Keller unter Wasser setzt und der Nachbar über den eigenen vier Wänden nicht irgendeinen Blödsinn mit seinem Boden macht, sodass die eigene Decke darunter leidet. Denn sein Boden ist meine Decke.

Trotzdem: Zumindest in München mache ich meist die Erfahrung, dass man kaum miteinander redet, dass man seine Nachbar_innen mit einem grundsätzlichen Misstrauen versieht, bis doch durch irgendein Ereignis das Eis gebrochen wird. Das ist eigentlich ziemlich schade, finde ich, weil Nachbar_innenschaft richtig toll und wichtig sein kann, wenn man sich mal die Zeit nähme, die Leute kennenzulernen, die da um eine herum wohnen.

Als wir bei Ikea waren und Möbel nach oben getragen haben, hat uns ein Nachbar einfach so von unten noch einen Karton hochgetragen und sich uns vorgestellt, mit Stockwerkangabe. Jetzt weiß ich, wer zwei Stockwerke über mir wohnt und das ist schon einmal eine Person, die ich auf einen Tee einladen würde oder der ich eine Tüte Zucker geben würde (obwohl, da muss man schon sauber was falsch machen, damit man von mir keine Tüte Zucker bekommt, wenn man vor meiner Tür steht).

Es interessiert mich im Moment ziemlich, wer da um uns herum wohnt und das nicht nur aus pragmatischen Gründen, wie: Sind die Leute entspannt, sodass sie nicht sofort vollkommen wütend klingeln, wenn hier mal um 22 Uhr noch Gelächter zu hören ist? Und wenn sie es doch tun: Haben sie vielleicht einen Job, bei dem sie um vier oder fünf Uhr aufstehen müssen, sodass selbstverständlich wäre, dass sie früher Ruhe brauchen? Eben diese Fragen stellen sich für viele gar nicht und ich weiß nicht so richtig, ob es deshalb nicht schon als „aufdringlich“ gewertet würde, wenn wir mit Kuchen vor der Tür der anderen stehen würde und sagen würden: „Hallo, wir sind Ihre neuen Nachbarinnen und wollten uns mal vorstellen.“

Für mich ist Nachbar_innenschaft tatsächlich auch irgendwie ein Politikum. Nachbar_innen sind die Leute, die unmittelbar um dich herum leben und unter Nachbar_innen solidarisch zu sein, kann unglaublich viel wert sein. Gerade in Städten, wie München oder Berlin, wo es Zwangsräumungen gibt und sich Vermieter_innen äußerst fiese Taktiken einfallen lassen, um Mieter_innen los zu werden.

Was ich sagen will: Ich vermute, es lohnt sich, mal auf die Nachbar_innen zuzugehen und zu schauen, wie deren Lebensrealität aussieht, was die so machen und wo es irgendwie Gemeinsamkeiten geben kann. Denn das kann auch dazu beitragen, dass sich im Haus alle wohlfühlen; wenn man weiß, wer es noch so bewohnt.
Spätestens nach dieser Woche muss also eigentlich mal so ein Kuchen her, denn wir haben viel zu spät gebohrt und ich hoffe, dass sich dadurch noch niemand gestört gefühlt hat und wenn ja, dass sie es uns nachsehen.

Und warum Kuchen? Weil Essen die ultimative Praxis ist, um sich kennenzulernen und weil Essen gemeinsam viel mehr Spaß macht, als alleine.

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s