Meine WG ist politisch!

Letzte Woche hatte ich ein Lerntreffen mit einer Freundin, das instantly zu einem Treffen ganz anderer Art wurde. Wir sehen uns im Moment nicht so oft und deshalb gibt es meistens recht viel zu erzählen. Irgendwann hat sie mir erzählt, dass ihr Leben nicht so strukturiert ist, wie sie es gerne hätte und dass sie die Unordnung in ihrer WG ziemlich unglücklich macht.

Weil ich für andere Leute ziemlich gut Pläne und Listen machen kann und deren Leben so durchstrukturieren kann, wie sie es wollen, haben wir uns also gleich an die Sache drangesetzt. Wir haben uns gefragt, woran es liegt und was die anderen WG-Mitbewohner_innen wollen und sind relativ bald darauf gekommen, dass an manchen Stellen durchaus ganz klassische sexistische Mechanismen am Werk sind.

Die analyse&kritik hat vor fast einem Jahr einen Beitrag zu ungleicher Verteilung von Hausarbeit bei heterosexuellen Paaren geschrieben, in dem über eine Studie berichtet wurde, die ganz interessante Ergebnisse zutage förderte. Diese sind meiner Meinung nach auch wahnsinnig relevant für linke WGs. Entscheidend ist, dass bestimmte Verschleierungsmechanismen und Argumentationsstrategien wirken, sodass die Verteilung der Hausarbeit als vermeintlich egalitär erscheint, aber letztendlich immer noch sexistisch strukturiert bleibt.
Ein Beispiel dafür sind die „unterschiedlichen Sauberkeitsstandards“, nach denen der Artikel auch benannt wurde und die als Begründung dafür herangezogen werden, dass eine Frau im Haushalt mehr Reproduktionsarbeit erledigt als ein Mann, dem eben Sauberkeit nicht so wichtig ist.
Gleichzeitig geht es auch um Frauen- und Männerbilder in alternativen Milieus, die es verunmöglichen bestimmte Probleme und Ungleichverteilungen im Haushalt zu thematisieren. So gelten Männer meist als gelassen und entspannt, wenn sie so ganz autonom vor sich hin leben, während das uralte Klischee der „hysterischen Frau“ nach wie vor zieht und dazu führt, dass sie Probleme im Haushalt nicht ansprechen darf, weil sie sonst als unentspannt und nervig gilt.

Nun wohnt die besagte Freundin mit drei Typen zusammen, die durchaus ein politisches und antisexistisches Selbstverständnis haben. Trotzdem kommt die Freundin immer wieder in solche Situationen, in denen sie offensichtlich als Haushaltsplanerin fungieren soll: Beispielsweise wird nur ihr eine Nachricht geschrieben mit der Frage, was eingekauft werden soll und oft genug denkt sowieso nur sie von selbst daran, bestimmte Haushaltsgegenstände oder Essen einzukaufen.
Das bringt sie in die Position, die anderen ständig daran erinnern zu müssen, dies und das zu kaufen, worauf sie überhaupt keine Lust hat, weil sie die Rolle als Haushaltsplanerin hasst und durchaus als sexistische Zuschreibung wahrnimmt. Sie ist meist auch die Einzige, die Sauberkeitsprobleme in der WG thematisiert oder ein Interesse daran hat, eine Struktur zu schaffen, die Hausarbeit gleich verteilt.

Wir haben dann beschlossen, dass es notwendig ist, das Problem als politisch aufzufassen und zu thematisieren und nicht in die Falle der „unterschiedlichen Ansprüche“ zu verfallen oder in die vermutlich noch viel naheliegendere Falle des „Wir sind alle entspannt und jede_r macht eben, was sie_er kann.“
Denn genau dahinter verbirgt sich in den meisten WGs das Problem, wenn die Zusammenwohnenden nicht zufällig genau dieselben Vorstellungen von einem Haushalt miteinander teilen. Das führt dann nämlich dazu, dass Personen die Notwendigkeit sehen irgendwo was zu machen, wo andere noch nicht die Notwendigkeit sehen und letztendlich liegt die Hausarbeit schnell auf einer einzigen Schulter.

Deshalb muss auch in WGs durchaus die Frage nach sexistischen Strukturen gestellt werden, die dazu führen, dass Haushaltsarbeit überwiegend von Frauen geleistet wird. Natürlich hören das die Genoss_innen vermutlich nicht allzu gerne, aber Rücksicht ist hier oft fehl am Platz.
Ich denke, auch in linken WGs braucht es eine konkrete, von den Bewohner_innen geschaffene Struktur, die dafür Sorge trägt, dass Hausarbeit gleich verteilt und erledigt wird. Dazu kann ein Putzplan gehören, an den sich alle halten und wenn das nicht der Fall ist, wird auch das politisch diskutiert. Dazu kann ein regelmäßiges WG-Plenum gehören, das man eigentlich sowieso durchführen sollte, auch aus sozialen und spaßigen Gründen. Dazu kann auch die konkrete Verteilung von Verantwortungsbereichen gehören, beispielsweise die Beschaffung von Lebensmitteln.

Letztendlich werden solche Pläne immer als spießig und nervig aufgefasst. Wie oft musste ich mir schon ekelhafte Kommentare wegen meines Hang zum Listenschreiben, Planen und Strukturieren anhören? Aber diese Dinge bewahren mich eben davor, in bestimmte Gewohnheiten zu verfallen, die ich auf keinen Fall leben will. Dabei geht es mir auch darum, eine einigermaßen verlässliche Person zu sein, auch als Mitbewohnerin, sodass andere nicht die Arbeit machen müssen, die ich nur aus Faulheit vergesse.

Zentral ist doch aber überhaupt erstmal die Thematisierung dieser Probleme als „politisch“, da ansonsten wieder persönliche Befindlichkeiten vorgeschoben werden und die im Artikel angesprochenen Verschleierungsmechanismen zum Tragen kommen können. Ein linkes, antisexistisches Selbstverständnis bewahrt durchaus nicht davor, sich im Haushalt ignorant und patriarchal zu verhalten. Insofern an die guys, die von ihren Mitbewohner_innen darauf aufmerksam gemacht werden, dass in der WG ungleiche Verhältnisse herrschen: Seid froh, dass ihr so coole Mitbewohner_innen habt und weist die Kritik nicht gleich aufgrund eures Selbstverständnisses von der Hand. Meist ist was dran.

Das Private bleibt politisch!

Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s