Warum ich im Kampfsport besser Ohrenschützer tragen sollte…

Leider werden in diesem Beitrag wirklich ganz furchtbar sexistische und homosexuellenfeindliche Aussagen und Handlungen wiedergegeben. Wer berechtigterweise  keine Lust hat, in ihrer_seiner Freizeit sowas auch noch lesen zu müssen, wenn man es doch sowieso täglich erfährt, möge diesen Beitrag getrost ignorieren.

bildschirmfoto-2017-03-02-um-12-19-50Als ich mit Kampfsport angefangen habe, war ich lange versucht, in einem wütenden Beitrag Kampfsportvereine als letzte Bastionen der Männlichkeit zu entlarven, bis mir aufgefallen ist, dass das analytisch Blödsinn wäre, weil es noch einige andere, durchaus nicht weniger relevante Bastionen der Männlichkeit gibt und das auch nichts Neues ist.
Trotzdem: Während des Kampfsport-Trainings erlebt man die Formen von Mackertum, die man irgendwie so verdrängt hat, dass man sie irgendwann nicht mehr für möglich hält und dann auf grausame Art und Weise in die patriarchale Realität zurückgeholt wird.

Es beginnt in der Männerumkleide: Wer sich fragt, weshalb ich Aussagen über die Männerumkleide treffen kann, spricht bereits einen wichtigen Punkt an. Die Lautstärke, in der Typen sich über ihre Freundin oder die Freundinnen anderer Leute „Ganz eine Hübsche“ austauschen, lässt vermuten, dass die Männerumkleide etwa die Größe eines Fußballfeldes haben muss – ansonsten gäbe es keinen Grund so zu schreien.
Es wird über den im Scherz imaginierten Samenstau geredet, wobei allen klar ist, dass betreffende Person in Wahrheit keinen Samenstau haben kann, weil die Person ja sowieso den ganzen Tag Sex hat – und diese Annahme wird eben dadurch bestärkt, dass der Typ seinen Samenstau bereits beim Betreten der Umkleide thematisiert. Die Männerumkleide ist zugleich auch der Ort, an dem Pornos und Nacktbilder geshared werden, also irgendwie der Pausenhof für erwachsene Männer.

Wenn man sich einander genug in seiner (wortwörtlich) nackten Männlichkeit präsentiert hat, beschließt man, seine Hose anzuziehen, sich dabei eingehend darüber auszutauschen, was der Tiefschutz mit den eigenen „Eiern“ macht und die Umkleide zu verlassen. Jetzt geht es ans Eingemachte.
Noch bevor das Training beginnt, wird möglichst laut brüllend möglichst oft möglichst heftig in den Sandsack getreten, um dann wieder zur Erzählung des Wochenenderlebnisses überzugehen und sich parallel dazu über die eigene Freundin zu beklagen, die es gar nicht so cool findet, wenn der Typ nie abspült. Eine Inszenierung des Leidens folgt auf die Inszenierung der eigenen Kraft – es ist das Leiden in einer Beziehung zu sein, das Leiden, für das man dem Feminismus und den Frauenbewegungen danken kann: Die Frau weigert sich den Haushalt zu machen. Eine Rückbesinnung auf die guten alten Zeiten, die man nie erleben durfte.
Mann beschließt, sich letztendlich doch irgendwann von ihr zu trennen, bevor ein anderer Kerl davon erzählt, wie er vor seiner Freundin heute „endlich mal richtig auf den Tisch gehauen“ hat. So verzweifelt und wehrlos habe er sich angesichts des weiblichen Biestes gefühlt, dass ihm kein anderer Ausweg blieb als „es der mal so richtig zu zeigen“. Der Leidenszirkel ist geschlossen, die Unterhaltung kehrt zurück zur uneingeschränkten physischen Kraft und wird endlich unterbrochen vom Trainingsbeginn.

Während des Aufwärmens bestätigt man die eigene Männlichkeit durch das Versichern der eigenen Heterosexualität unter Zuhilfenahme einer als homosexuell imaginierten Performance. Was kompliziert klingt, ist eigentlich ganz einfach: Bei den Liegestützen setzt man sich auf einen anderen Typen und tut so, als würde man ihn penetrieren. Weil aber alle wissen, wie hetero man eigentlich ist, wird das Ganze als ein Witz über Homosexualität aufgefasst – das Unmännlichste, was denkbar ist – und letztendlich die eigene Männlichkeit und Heterosexualität über das Abwerten von Homosexualität gestützt.
Kurz darauf beschimpft man alle Trainingsteilnehmenden einmal durch als „Homos“, weil Homosexuelle nicht stark sind und die Trainierenden auch nicht stark sind. Daraus folgt: Sie sind homosexuell. Und danach ist auch noch der letzten Zweiflerin klar: Der Typ ist eine Hete, denn sonst würde er ja Homosexuelle nicht so schlecht machen und das Attribut als Beschimpfung nutzen.

Je nach Trainingsform gibt es auch während des Sports selbst Möglichkeiten zur Unterhaltung. Dann haben die coolen Trainer-Typen die Möglichkeiten, vor den nicht so coolen trainierenden, ein wenig verzweifelt wirkenden Typen, die eigenen Fähigkeiten als lokales Abschleppunternehmen so richtig raushängen zu lassen: Verteilt werden Aufreiß-Tipps, garniert mit dem Versprechen „Das funktioniert immer.“, während ich daneben liege und dem armen Guy gerne erklären würde, dass der Typ vor ihm keine Ahnung von irgendwas, geschweige denn Konsens hat, und er besser nicht auf ihn hören sollte, da ihm ansonsten möglicherweise eine Frau einen berechtigten Übergriffsvorwurf macht.

Trainiert wird während und nach dem Aufwärmen immer mit voller Power, was auch bedeutet, die Stimmbänder möglichst zum Zerreißen zu bringen und allen anderen Trainierenden einen lang anhaltenden Tinnitus zu bescheren – bitte besonders den Frauen, denn die hasst man ja so sehr, weil die eigene Freundin so gemein ist. Und dann sind auch noch hier diese anderen Frauen, mit denen man sich nur dann abfinden kann, wenn sie beim Training möglichst attraktiv wirken und die Hosen möglichst figurbetont und eng sind.

Es kommt, wie es kommen muss: Endlich trainiert man mit einer von ihnen und hat die Gelegenheit, sie vor einem selbst zu retten. Ihr Bein wegziehen, sie fällt und da liegt sie. Bereit, um die hingestreckte Hand zu nehmen und sich aufhelfen zu lassen. Wirklich, diese Performance beeindruckt mich jedes Mal, so perfekt wird das „Ich rette sie vor mir selbst“-Motto durchgezogen. Es wäre auch nicht so schlimm, wenn das „mal“ passieren würde, dafür trainiert man ja. Aber es gibt diese Kandidaten, bei denen das ein Standard-Repertoire ist, wenn sie mit Frauen trainieren – immer einmal alle drei Minuten. Und dieser Move ist ungefähr so, wie wenn ich jemanden in einen eiskalten Fluss werfe, um ihn danach wieder rauszuziehen und zu sagen „Hier, guck mal, ich hab dich vor dem Ertrinken gerettet. Sag Danke.“

Nach dem Training geht man als Typ in die Sauna oder unter die Dusche, es wird noch ganz anzüglich von einem anderen Typen angemerkt, dass er gleich mitkommt – höhö, zwinker, zwinker – und man tauscht sich erneut über das weitere Verfahren in Sachen Freundin aus. Letztendlich beschließt man, feiern zu gehen und „Eine abzuschleppen“ (und „abschleppen“ ist in diesem Zusammenhang noch der netteste Begriff, der je verwendet wurde) und kehrt dann heim – zu der gemeinen Freundin, die sich wieder – vollkommen übertrieben – darüber echauffieren wird, dass die verschwitzten Sportklamotten einfach auf das Bett geworfen werden. Die soll sich mal nicht so haben, immerhin hat man grade Sport gemacht und zwei Stunden alles daran gesetzt, als möglichst männlich zu gelten.

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3 Kommentare zu „Warum ich im Kampfsport besser Ohrenschützer tragen sollte…

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