„dabei geblieben“ – Rehzi Malzahn (review)

file-15-02-2017-08-40-04Wenn man politisch aktiv ist, fängt man irgendwann mal an sich zu fragen, ob das für immer so weitergeht. Man sieht die Leute um sich herum: Sie sind teilweise älter, teilweise jünger. Sie gehen Beziehungen ein, beginnen in festen Beschäftigungsverhältnissen zu arbeiten, bekommen Kinder, und sind meistens weg, sobald eines der drei Dinge passiert.
Ich sage mir ständig, wenn wieder eine Person wegfällt: So wirst du nicht.
Aber manchmal zweifle ich daran. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte mich einfach mit allem arrangieren, so wie es ist. Wenn es mir nicht so gut geht oder ich viel Stress habe. Und dann denke ich: Ohje, sag sowas nicht, sonst fällst du raus.

2015 kam das Buch von Rehzi Mahlzahn raus, es heißt „dabei geblieben“. Darin geht es um diejenigen, die nicht rausgefallen sind, die älter als 30 Jahre und immer noch aktiv sind. Wobei „aktiv“ dabei die unterschiedlichsten Formen von Aktivismus umfasst: Antifa, Gewerkschaftsarbeit, Antira, Feminismus, Aktivismus im Job, usw. Die Geschichten der einzelnen Aktiven sind in Interviewform erzählt und es geht meist um ähnliche Fragen: Was macht die Person und warum? Was ist ihr Antrieb? Wo in ihrem Leben gab es Brüche? Wie kam es dazu, dass sie dabeibleibt? Und wie sieht sie sich selbst, wie bezeichnet sie sich auch selbst? Was hält sie für ausschlaggebend, um dabei zu bleiben?

Das Buch hat mir unglaublich weitergeholfen, weil es auch in mir neue Fragen aufgeworfen hat. Und weil es meinen Blick geschärft hat für die Option, dass man auch mit 40 oder 50 oder 60 nicht in einem Einfamilienhaus am Rande der Stadt wohnen muss, sondern mitmischen kann. Gleichzeitig ging es an vielen Punkten auch darum, dass viele irgendwann den Kontakt zu den jüngeren Leute in der Szene verlieren oder nicht gut halten können und sich deshalb in der Szene auch nicht mehr ganz so wohl fühlen. Ich bin zwar noch nicht soweit, aber ich bemerke trotzdem, dass doch manche ältere Leute in der Szene nicht mehr so ernst genommen und teilweise seltsam beäugt werden.

Die Autorin hält sich selbst in den Interview sehr zurück, was ich mochte, weil die Leute so viel freier erzählt haben und unterschiedliche Schwerpunkte setzen konnten. Besonders ein Gruppengespräch am Ende fand ich spannend, weil sich dort eine interessante Diskussion um Selbstbeschreibungen entwickelt hat, die, glaube ich, sehr viele Anknüpfungspunkte zum Weiterdenken gibt. Und besonders aufgefallen ist mir die unterschiedliche Konnotation des Begriffes der_s Aktivist_in. Manche lehnen es aus verschiedenen Gründen ab, sich selbst so zu bezeichnen, für manche ist es durchaus ein Begriff, mit dem sie sich arrangieren können. Insgesamt hat mich das Buch dazu gebracht, viel über Konzepte von mir selbst als politisch Aktive nachzudenken.

Deshalb möchte ich euch empfehlen, das Buch zu lesen. Auch wenn ihr euch nicht direkt als „aktiv“ begreift, ist es trotzdem eine sehr spannende Lektüre, auch, weil viel Geschichte über politische/soziale Bewegungen in Deutschland aufgegriffen wird. Das Buch bietet sich super an zum ab und zu hineinschauen und stöbern, mal hier ein Interview lesen und mal da. Und letztendlich kann man sich ja auch mal an die eigene Nase fassen und überlegen, welche Leute im eigenen Umfeld eigentlich solche Geschichten zu erzählen hätten und wie die Leute das gemacht haben mit dem dabeibleiben.

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