Nebel im August (review)

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Von: http://www.nebelimaugust.de

Ein älterer Mann sitzt in einer Runde älterer, weißer Männer. Er lässt sie einen Brei aus Gemüse essen, die Männer verziehen das Gesicht. Sie wissen noch nicht, wozu diese Nahrung einmal dienen soll. Der Mann, der die Suppe in den Raum bringen ließ, hat sie erfunden, damit Menschen sterben, während sie essen.

Diese Szene stammt aus dem Film „Nebel im August“ von Kai Wessel. In diesem Film wird der Junge Ernst Lossa als widerspenstig und „asozial“ eingestuft, weshalb er in die „Heilanstalt“ Irsee verlegt wird. Den Begriff der Heilanstalt in diesem Kontext zu verwenden, ist ein zynischer Euphemismus, denn – wie Ernst bemerkt – geheilt wird dort niemand. Mögen die Nationalsozialist_innen im Film auch von „Erlösung“ gesprochen haben, letztendlich geschah mit den Menschen dort nur eines: Sie wurden ermordet.
Der Film hat eine Figur als Protagonisten, die es wirklich gab: Ernst Lossa wurde im Nationalsozialismus als „Zigeuner“ kategorisiert und als solcher verfolgt. In der Heilanstalt Irsee wurde er 1944 mithilfe einer Giftspritze umgebracht.

Über diesen Film kann ich aufgrund mehrerer Aspekte sagen, dass er schlichtweg grandios und absolut sehenswert ist!
Was positiv auffällt ist die Erzählung der historischen Ereignisse. Die Macher_innen beschönigen nicht, der Mord an den Menschen in der Heilanstalt wird als das dargestellt, was er war, weder Erlösung, noch „Euthanasie“. Die Nazis heucheln zunächst eine abstruse Form der „Logik“ hinter ihren Morden, in dem sie behaupten, „arbeitsunfähige“ Menschen würden „erlöst“, doch auch dieses Muster wird bald von reiner Willkür abgelöst.
Dieser Übergang ist besonders gut gelungen, genauso wie die Darstellung der Steigerung der „Effizienz“ im Töten. Töten die Nazis die Ausgewählten zunächst mit Giftspritzen, folgt bald danach das Essen, das ich anfangs beschrieb. Durch das mehrere Stunden gekochte Gemüse bleiben keine Nährstoffe mehr im Gemüse, wodurch die Patienten verhungern, während sie essen, wie es der Nazi und Klinikdirektor ausdrückte. Dadurch wurden immer mehr Menschen zu Tode gehungert. Zuvor hatte eine Krankenschwester namens Edith den Kindern vergifteten Himbeersaft gegeben.

Die Figur der Krankenschwester ist im Film herausragend gezeichnet. Dort ist eine Frau ganz deutlich als eigenständige Täterin, Mörderin zu sehen, die von der nationalsozialistischen Ideologie vollkommen überzeugt ist und selbstverantwortlich handelt. Damit zeigen die Macher_innen, dass Frauen im Nationalsozialismus genau so überzeugte Nazis sein konnten und keinesfalls Mitläuferinnen waren.

Was die Klinikinsass_innen angeht, sind dort sehr viele verschiedene Menschen repräsentiert, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Wie am Beispiel Ernst Lossa deutlich wird, waren das nicht ausschließlich Menschen, die als geistig oder körperlich „krank“ eingestuft wurden, sondern ebenso Personen, die die Klassifizierung der „Asozialen“ erfuhren oder aus anderen Gründen im Heim saßen. Das zeigt ein weiteres Mal auf furchtbare Art und Weise, nach welchen abstrusen Mustern die Personen ausgewählt wurden, die zu sterben hatten. Oft waren es simple Launen des Klinikdirektors und immer natürlich die Ideologie der Nazis.
Viele der in Irsee Eingesperrten wurden als eigenständige, fühlende Menschen dargestellt, doch manchmal wurden die Personen im Film auch als übertrieben „hilflos“ und apathisch dargestellt, was mich an einigen Stellen gestört hat.

Insgesamt schafft es der Film, ein in der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen völlig unterrepräsentiertes, nach wie vor oft totgeschwiegenes Thema aufzugreifen und reif und überlegt damit umzugehen: Die Ermordung von Menschen mit Behinderung und solcher, die als „asozial“ galten. Gerade, dass eine historische Figur als Protagonist gewählt wurde und dadurch diese Geschichte so authentisch nacherzählt wurde, fand ich sehr wichtig an der Verfilmung. Auch die Informationen über den Verbleib des Klinikdirektors oder der Krankenschwester nach 1945, die vor dem Abspann gezeigt werden, verdeutlichen noch eine ganz andere Facette des NS: die fehlende Aufarbeitung des Nationalsozialismus danach und damit zusammenhängend das Scheitern der Entnazifizierung.

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