Bullet Journaling

Ich bin zugegebenermaßen ein ziemliches Planungsmonster. Ich brauche für alles einen Plan, eine Liste und will man mich irgendwo antreffen, muss man das früh genug mit mir absprechen, denn Spontaneität ist leider etwas, das ich noch lernen muss (wobei ich Fortschritte mache).
Nun gab es für mich immer das Problem, dass ich nicht so richtig wusste, wie ich mich organisieren sollte. Ich hatte einen Kalender, vier Notizbücher und bestimmt mehr als 50 Listen, die als Zettelwirtschaft vor sich hin flogen. Bei allen Kalendern, die ich bisher hatte, hat mich irgendetwas gestört, meistens die Platzaufteilung.

Vor einiger Zeit habe ich dann bei ze.tt von Bullet Journaling gelesen und dachte mir, das sollte ich ausprobieren. Bullet Journaling wurde von Ryder Carroll entwickelt, der während seiner Schulzeit immer Notizen hatte, mit denen er letztendlich nichts anfangen konnte. Also hat er eine eigene Art und Weise entwickelt, zu planen und seine Notizen zu organisieren: Das Bullet Journal. Als er seinen Blog eröffnet hat, hat sich Bullet Journaling relativ schnell herumgesprochen, inzwischen gibt es massenhaft Blogs und Videos darüber, wie Leute ihr Bullet Journal führen.

Das Schöne daran ist, dass das Bullet Journal genau so funktioniert, wie der_die Benutzer_in es will, denn er_sie hat es selbst entworfen. Viele Leute gestalten ihre Bullet Journals wunderschön, kleben Bilder ein, zeichnen, denken sich tolle Schriften und Design-Elemente aus. Andere brauchen wiederum ein clean gehaltenes Bullet Journal, wo alles Wichtige auf den ersten Blick sichtbar ist und alles seine klare Struktur hat.

Ich persönlich mag einen Mix aus beidem. Seit etwa zweieinhalb Wochen probiere ich Bullet Journaling aktiv aus und bisher bin ich super glücklich damit. Ich versuche neue Schriften zu lernen und adaptiere viel von anderen (Tumblr-)Blogs, von Pinterest-User_innen und so weiter. Besonders mag ich Bullet Journal Escapades, ein Tumblr-Blog, der superviel Inspiration gibt und wahnsinnig schöne Bilder hat.

Viele Basics habe ich übernommen, also Index (Inhaltsverzeichnis), Monthly Log (eine Monatsübersicht), Daily Log (zwei Seiten pro Woche für alle sieben Tage) und einige Elemente aus dem Key (die Art, wie die unterschiedlichen Inhalte gekennzeichnet werden). Ich versuche, keinen Monat gleich zu gestalten, weil ich bisher noch nicht die für mich perfekte Version gefunden habe und vielleicht die Abwechslung ja auch am besten passt. Ich habe alle meine Listen in das Bullet Journal übertragen, von meinen Urlaubsplänen über mein „To Read“, meine Netflix-, Movies- oder Wunschliste. Sämtliche Projekte sind dort hinein gewandert, auch dieser Blog hat eine Seite zum Brainstormen bekommen. Mein Bullet Journal funktioniert bisher genau so, wie ich es will und das war immer das, worauf es mir ankam.

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Kleiner Einblick in mein September-Log

Zweifellos darf man das Ganze nicht unkritisch betrachten: Was man damit macht, ist letztendlich sich selbst total zu verwalten. Carroll beispielsweise hat in seinem Bullet Journal Food-Tracking integriert und schreibt sich auf, was er gegessen hat. Ich finde die totale Überwachung von eigenen Verhaltensweisen irgendwie fatal, weil man so Zwänge, die eine_n oft leiden lassen, leichter unterstützen und ausbauen kann. Klar, alle können das machen, wie sie wollen, für mich wäre aber beispielsweise ein Foodtracker ganz furchtbar.
Ich habe, um ehrlich zu sein, auch eine Seite in meinem Journal, die ich „Habit Tracker“ nenne (was auch viele andere Bullet Journalists tun). Dort hake ich alle zwei Tage ab (aber erst ab Oktober), ob beispielsweise mein Schreibtisch sauber ist, ob ich gefrühstückt habe oder einfach anderes erledigt habe, was ich eigentlich gerne immer schaffen würde. Bei mir soll der Habit Tracker dafür verantwortlich sein, dass ich Dinge mache, die mir Spaß machen, aber oft runterfallen bei allem Alltagsstress und -zwang. Er soll dazu dienen, einiges zu entschleunigen und dafür zu sorgen, dass ich mich wohler fühle (auch zuhause).

Gleichzeitig muss man sagen, dass Carrolls Anspruch an das eigene Projekt, produktiver zu sein, mehr zu schaffen usw. natürlich eine Haltung ist, die in neoliberalen kapitalistischen Verhältnissen entsteht. Ich kann mich davon auch nicht freisprechen, weil ich oft das Gefühl habe, ich muss mich irgendwie mehr „aktivieren“, dabei mache ich schon wahnsinnig viel. Insofern sollte ich in meinem Bullet Journal noch mehr auf Entschleunigung setzen, als ich es bisher tue. Bullet Journaling klingt nach einem neoliberalen Projekt, ist es aber nur dann, wenn man es zu einem werden lässt (der Vorteil von diesem DIY-Aspekt).

Die Blogs, die mir so bekannt sind, machen dies ziemlich oft. Mit Bullet Journaling scheinen überwiegend Studierende zu arbeiten (oder zumindest diese stellen es ins Internet), die das tun, um mehr zu lernen, mehr Sport zu machen, mehr zu schaffen, von allem irgendwie einfach nur mehr zu tun (esseidenn es sind in ihren Augen schlechte Eigenschaften, dann natürlich weniger). Insofern dient es irgendwie nur der kapitalistischen Selbstoptimierung.

Ich mache es letztendlich bisher so unglaublich gerne, weil es mir damit besser geht einen Überblick über Aufgaben, Pläne und Termine zu behalten und irgendwie alles Mögliche an einem einzigen analogen Ort zu organisieren. Ich habe zwar trotzdem noch das ein oder andere Notizbuch, das sind aber alles Projekte für sich, die nur aus Fließtexten bestehen. Bisher bezweifle ich, dass ich dadurch produktiver werde, das ist auch nicht mein Anspruch daran. Mein Anspruch ist eher Überblick, weil ich ohne Überblick manchmal in handfeste Krisen schlittere. Und mir macht die Gestaltung ziemlich viel Spaß, auch wenn ich ansonsten eher nicht so der Mensch für Zeichnen, Schönschrift und gestalterische Fertigkeiten bin.

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Meine Movie-Liste auf der linken Seite als etwas unbeholfene Film-Streifen und meine Serien-Liste

Falls ihr aber Fans von Überblick seid und den Drang verspürt (besser) zu planen, könnt ihr das ja mal probieren. Die Lösung aller Probleme ist es nicht und man muss aufpassen, dass man das Teil nicht zu einer Selbstkontrollmaschine werden und es in Stress ausarten lässt, aber prinzipiell kann es bei vielem helfen. Eine gute Hilfe beim Anfang ist in jedem Fall das Youtube-Tutorial von Carroll:

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