„Das stört den Lesefluss“ -.-

Seit langem wollte ich etwas über Gendern auf meinem Blog schreiben, damit Leser_innen wissen, warum ich gendere und warum ich so gendere, wie ich gendere. Aus aktuellem Anlass erkläre ich das jetzt ein Stück weit.

Ich dachte, ich hätte vor etwa zwei Jahren das letzte Mal diese nervige Diskussion um Gendern beim Schreiben und in der Sprache geführt. Früher habe ich sie ja sogar gerne geführt, weil ich dachte, ich würde dadurch Leuten etwas Gutes tun. Mit der Zeit haben sich die meisten als sehr kritikresistent erwiesen und irgendwann war ich es müde Erklär-Sqrrrl* zu sein. Also habe ich den Leuten nur noch Texte empfohlen, Broschüren zu gendersensibler Sprache usw.

Jetzt muss ich die Diskussion wieder führen, diesmal geht es darum, ob ich in Artikeln, die ich veröffentliche, gendern darf oder nicht. Dabei werden als Argumente dieser allseits bekannte „Lesefluss“ genannt, sowie die fehlende einheitliche Linie des Mediums. Beides macht mich wütend.
Wenn eine einheitliche Linie fehlt, dann ist das genau der Grund, weshalb ich durchaus gendern kann, wie ich will! Und wenn eine einheitliche Linie gefunden wird, die ich für politisch falsch halte, dann braucht das Medium auch meine Texte nicht, da sich diese durchaus manchmal um Themen rund um Geschlecht drehen.

In meinem Studium bekommen Leute Punktabzug, wenn sie in ihren Hausarbeiten nicht gendern oder gar die furchtbare Fußnote am Anfang der Arbeit setzen mit dem Inhalt „Wenn ich die männliche Form verwende, meine ich eigentlich alle.“ und diese Leute bekommen den Punktabzug zurecht, wenn extra darauf verwiesen wird und gesagt wird, dass gendern notwendig ist.

Die Entscheidung zu gendern oder es nicht zu tun, ist keine sprachliche. Sie hat nichts mit dem Lesefluss oder irgendeiner „Verschandelung der deutschen Sprache“ zutun. Es ist eine Politische. Und alle Leute, die schreiben, sprechen und publizieren, treffen sie notwendigerweise. Es ist die Entscheidung, ob ich Frauen, Trans-, Inter- und andere queere Personen auch meinen und miteinbeziehen möchte oder ob ich sie durch meine Sprache ausschließen will.

Wenn mir jemand sagt, sie_er würde sich durch gendern im Lesefluss gestört fühlen, dann habe ich exakt das erreicht, was ich wollte: Irritation. Irritation darüber, dass die Grenze der Zweigeschlechtlichkeit gesprengt wird (wenn ich mit Unterstrich oder Sternchen gendere, was ich immer tue) oder auch Irritation darüber, dass sprachlicher Androzentrismus infrage gestellt wird (wenn ich mit Binnen-I (z.B.: JournalistInnen) oder ähnlichen Formen gendern würde).

Oft bekomme ich zu hören: „Benutz doch einfach gar keine gegenderten Wörter mehr.“ Darauf kann ich nur erwidern, dass Geschlecht nicht dadurch verschwindet, dass wir nicht mehr davon und von den Folgen der Kategorisierung sprechen. Wenn wir nur noch höchst komplizierte Ausdrücke verwenden, beispielsweise anstatt von „Politiker_innen“ nur noch von „Politiktreibenden“ sprechen, dann ist das eigentliche Ziel, nämlich Sichtbarmachung und Irritation, nicht erreicht. Das Argument klingt für mich, als käme es aus der Postgender-Ecke, in der geglaubt wird, von spezifischen Geschlechtern zu sprechen reproduziere Ungleichheit, daher dürfe man nur noch von Menschen sprechen. Das macht aber die Ungleichheit einfach nur unsichtbar und lässt sie nicht verschwinden.

Viele Leute können auch ein Binnen-I gerade noch so verkraften oder ein „Journalisten und Journalistinnen“, doch was sie nicht mehr verkraften, ist der Unterstrich oder das Sternchen. Und das sagt etwas über gesellschaftliche Zustände aus.
Ich persönlich will mit Unterstrich gendern aus folgendem Grund: Der Unterstrich bezieht für mich Geschlechter abseits der Zweigeschlechtlichkeit ein. Wenn ich irgendwo einen Unterstrich sehe, dann weiß ich: „Cool, ich bin mitgemeint!“ Es würde für mich keinen Sinn machen, mich selbst und andere , die ich eigentlich mitmeinen will, nicht in meiner Sprache zu repräsentieren. Wieso auch?
Soweit ich das bisher weiß, gibt es keinen Unterschied zwischen Sternchen und Unterstrich. Ich habe mich deshalb für den Unterstrich entschieden, weil er die Lücke größer und leerer macht, als das Sternchen. Aber ich denke, das ist mehr eine Geschmackssache.

Es gibt auch den flexiblen Unterstrich (z.B. Journa_listinnen), den Menschen verwenden, um die Dichotomie „Mann – Frau“ aufzubrechen. Damit soll „Mann – Frau“ nicht mehr als Gegensatz funktionieren, sondern nur als zwei Geschlechter in einem breiten Spektrum, wo es nicht nur innerhalb, sondern auch außerhalb von „Mann – Frau“ noch einiges gibt. Diesen Unterstrich finde ich auch gut und verwende ich auch manchmal…

Um noch kurz ein paar Worte zum mündlichen Gendern zu verlieren: Ich spreche den Unterstrich als Pause, unterbreche also auch hier den Redefluss (ohje, der arme Redefluss). Das versuche ich so konsequent wie möglich, funktioniert aber nicht immer einwandfrei. Meiner Ansicht nach ist das eine Sache der Gewohnheit: Anfangs habe ich es oft vergessen, mittlerweile ist es in meinem Sprachgebrauch einfach die Norm, weshalb ich nicht mehr groß darüber nachdenke, sondern es automatisch passiert.

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