„Oktoberfest – Das Attentat“ – Ulrich Chaussy (review)

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Seit gut eineinhalb Jahren stand ein Buch bei mir im Regal neben den anderen vielen Büchern, bei deren Anblick ich mir jedes Mal denke: „Das wollte ich schon ewig lesen! Ich fange es jetzt dann an.“

Und mit diesem Buch habe ich schließlich auch angefangen, nachdem ich zum zweiten Mal „Der blinde Fleck“ gesehen habe. Natürlich geht es um das Buch „Das Oktoberfestattentat“, das von Ulrich Chaussy geschrieben und 2014 im Ch. Links Verlag veröffentlicht wurde.

Es liest sich etwa so, wie ein dokumentarischer Roman, der die Geschichte vom Oktoberfestattentat und seiner Nicht-Aufarbeitung erzählt. 1980, als am Eingang zum Oktoberfest eine Bombe in einem Mülleimer explodierte, wurde relativ schnell die These vom Alleintäter Gundolf Köhler zur vorherrschenden Meinung und schließlich zur Tatsache erhoben. Einige Jahre, nachdem die Ermittlungen eingestellt worden waren, fing Ulrich Chaussy an zu recherchieren und stieß immer wieder und immer öfter auf Ungereimtheiten, einseitig geführte Ermittlungen, einseitige Berichterstattung und auf Anzeichen von Vertuschung eines rechtsterroristischen Anschlags. Das beginnt bei einer Fülle an Kleinigkeiten und endet bei schwerwiegenden Ereignissen, wie dem Verschwinden einer Hand (eines_r potenziellen Mittäter_in) während der Ermittlungen oder entscheidenden Beweismitteln vom Tatort.

Die Geschichte einer – die Frage nach der Absicht bleibt offen – gescheiterten Ermittlung wird mit Recht aufgeregt, aber dennoch sachlich erzählt. Chaussy vermeidet es, Vermutungen anzustellen, die er nicht belegen kann und richtet seinen Fokus meiner Lesart nach nicht vorrangig darauf, wer das Attentat tatsächlich auch verübt hat, sondern vielmehr darauf, dass Köhler es nicht alleine gewesen sein kann und wer ihm möglicherweise warum geholfen haben könnte. Die Geschichte ist auf so packende und Wut hervorrufende Art und Weise erzählt – ich kann nicht einmal genau sagen, mit welchen Mitteln ihr Erzähler das geschafft hat. Jedenfalls saß ich aufgrund von Arbeit zu den unmöglichsten Zeiten noch in meinem Bett und musste weiterlesen.

Die Pointe ist in dem Buch nicht, wie in einem Krimi den_die Täter_in zu finden oder zumindest eine konsistente Täter_innentheorie zu entwerfen (was nicht heißt, dass das darin nicht auch gelingt), sondern erschüttert zu sein über jede einzelne Ekelhaftigkeit, mit der die Behörden die Ermittlungen gelenkt und eine lückenlose Aufklärung verhindert haben.

Sprachlich macht das Lesen der Geschichte einfach nur Spaß. Für mich war es leicht, aber konzentriert zu lesen (was ich wiederum oft schwer finde), weil an manchen Stellen das Personengeflecht den Umständen geschuldet unübersichtlich erscheint. Aber der Autor behält seine Leser_innen bei sich, denn er folgt immer einem roten Faden und schildert im Endeffekt seine Arbeit inklusive Resultate. Das lässt Leser_innen meiner Ansicht nach auch einen ganz anderen Zugang zur Geschichte bekommen, der trotzdem meistens einen Überblick aufrechterhält.

Ich kann allen nur empfehlen, das Buch zu lesen, auch wenn sich vermutlich (hoffentlich!) die meisten an zahllosen Stellen zornig an den Kopf fassen und sich fragen werden, wie so etwas sein kann. Es war für mich eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen habe durch die Art, wie es geschrieben war und auch durch das Thema, das wahnsinnig spannend ist und dem meiner Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit zukommt.

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