„Unser Verhältnis verhält sich verhalten“ – Bente Varlemann (review)

IMG_8894Ich bin auf die junge Slammerin gestoßen, als mir ihr Slam „Was ich habe“ bei Youtube aufgefallen ist (in jedem Fall sehenswert!). Seitdem hatte ich beschlossen, ihr Buch einmal zu lesen, aber es landete achtlos auf meiner Leseliste und wurde dort links liegengelassen.
Bis mir ein Freund das Buch schenkte und es mir so wieder zu Bewusstsein kam.

In „Unser Verhältnis verhält sich verhalten“ werden verschiedene Geschichten aus dem Alltagsleben von der Autorin erzählt und das auf eine unglaublich amüsante und (selbst-)ironische Art und Weise. Es geht um ihr Leben als Studentin in Hamburg, um WG-Leben, das Dasein als ewiger Single, Sex, das Schreiben, ihre Familie – und um unglaublich viel tiefsinnige Themen. Besonders ein Kapitel ist erwähnenswert, es heißt „Ella“. Ab diesem Kapitel hatte ich plötzlich einen völlig anderen Eindruck von dem Buch und seinem Inhalt, ab da ging es beispielsweise viel mehr um Einsamkeit, als um das Dasein als Single.
Hier ein kurzer, für mich besonders schöner Abschnitt aus diesem Kapitel:

„Ich mag Menschen, die das, was ich unter Realität zu verstehen glaube, verkehren. Die alles einfach austricksen und damit alles Glaubwürdige in Frage stellen. Denn wahr ist nur das, was jeder für wahr hält. Die Realität ist eine austauschbare Handlung, die zwar in manchen Momenten einen Konsens erlangt, aber immer in der Betrachtung des Einzelnen liegt. Diesen Konsens kann jeder benennen, zum individuellen Beschreiben fehlen die Worte. Wenn jemand keine Farben sehen, keine Töne hören oder nichts schmecken kann, dann besitzt auch derjenige eine Realität, auch wenn sie die anderen vielleicht nicht nachvollziehen können. Aber für denjenigen ist es real, und das kann niemand abstreiten.“

Bente erzählt von ihrer Familie, vom Tod ihrer Oma, packt kleine Geschichten aus ihrer Vergangenheit aus, betrachtet ehemalige Beziehungen und Affären und sorgt dafür, dass man sich ständig in ihren Worten wiederfindet. Das Buch bleibt die ganze Lesezeit über witzig, aber viel öfters tauchen nach „Ella“ Passagen auf, die nachdenklich machen, bedrückend wirken und die man ruhig öfters lesen sollte.
Sie beschreibt viele Situationen und Gefühle, die die meisten von uns kennen, zum Beispiel die Problematik mit dem „Ankommen“, die Suche nach etwas Unbestimmtem, die Konflikte, die man manchmal beim Schreiben hat oder auch die phasenweise Leere, die manchmal im eigenen Zimmer auf eine_n wartet.

Sprachlich wird durch viele Wortspiele und auch die Behandlung bestimmter Ausdrücke deutlich, dass eine Person schreibt, die etwas vom Schreiben und Sprachgebrauch versteht (auch wenn ich nach ihrem Slam etwas enttäuscht darüber war, dass in ihrem Buch nicht gegendert wird) und sich damit auseinandersetzt. Trotzdem ist das, was sie schildert, leicht zu verstehen und immer wieder ertappt man sich dabei, wie man sich voll und ganz mit dem Geschriebenen identifiziert.
Alles in allem ist „Unser Verhältnis verhält sich verhalten“ ein großartiges, amüsantes, aber auch melancholisches Buch, mit dem ich sehr viel zu Lachen hatte und das ich vermutlich noch öfters lesen werde…

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