„Die Heimkehr“ – Hermann Hesse (review)

Trotz meines selbst verhängten Hesse-Kauf-Verbots, das ich fast wöchentlich brechen muss, weil ich in der Roman-Abteilung auf kurz oder lang immer bei dem Buchstaben H lande, wohl wissend, dass dort mein persönlicher, langjähriger Favorit auf mich wartet, kam ich heute endlich wieder in den Genuss einer kleinen Geschichte von ihm.

In der Erzählung kehrt ein Reisender in seine Heimat zurück, die sich während seiner Abwesenheit sehr verändert hat und ihn nicht wiedererkennt. Dort leben andere Menschen, es herrschen andere Sitten, man bekommt relativ schnell den Eindruck, die Gesellschaft sei spießbürgerlich und extrem konventionell; wie es sich für diese Art von Kleinstadt, fast schon Dorf, gehört, kennt jede_r jede_n, die Gerüchteküche kocht regelmäßig über und Unangepasstes wird abgewehrt. So ergeht es auch Herrn Schlotterbeck, der auf seinen Reisen viele Verhaltensweisen und Redensarten, die anderswo üblich sind, übernommen hat, sodass er bei seiner Rückkehr nicht länger in das Schema passt.
Trotzdem bleibt er, mietet ein Haus und lernt seine Nachbarin kennen, die ebenfalls den „Unpassend“-Stempel aufgedrückt bekommen hat und zwischen ihnen entwickelt sich eine Art Zaun-an-Zaun-Freundschaft, die letztendlich andere Dimensionen annimmt und in vielerlei Hinsicht mit den anderen Bewohner_innen kollidiert.

Grundsätzlich bin ich keine Verfechterin des Liebesromans, aber diese kurze Erzählung ist unglaublich charmant, denn die zwischen den beiden Personen bestehende Beziehung wirkt so locker, frisch und irgendwie liebenswert, dass sie sich völlig von anderen Liebesgeschichten abgrenzt. Außerdem wurde das theatralisch-Melodramatische, das vielen solchen Büchern innewohnt, schlichtweg herausgelassen und durch Leichtigkeit ersetzt, die aber doch kombiniert wird mit auftretenden inneren, wie äußeren Konflikten.
Die Gefühle, die beide Personen füreinander hegen, erscheinen zudem nicht absolut und als das einzig Wichtige in dem Buch, sondern viel mehr die Entwicklung der Beziehung. Nirgends wird eine Alternativlosigkeit ausgesprochen oder von verzweifeltem Unglück erzählt, das Leben als Einzelne und Einzelner bleibt weiterhin vorstellbar und auch wertvoll.
Die beiden Hauptpersonen wirken grandios sympathisch durch ihr Dasein als Außenseiter und Außenseiterin und natürlich durch Hesses Art, sie zu zeichnen und zu charakterisieren, indem bestimmte Vorlieben erfrischend beleuchtet, hier und da Geschichten von früher eingestreut und manche völlig typisch menschliche Verhaltensweisen, in denen man sich als Leser_in gut wiederfindet, erzählt werden.
Dasselbe macht Hesse mit der Gesellschaft, die logischerweise den Gegenpol zu den beiden Hauptpersonen bildet und die sehr satirisch und eindeutig, aber doch realistisch dargestellt wird.
Zuletzt darf man einen wichtigen Hauptgrund, warum Hesse immer und zu jederzeit lesenswert ist, nicht vergessen: seine Sprache, mit der er den einfachsten Begebenheiten und banalsten Bildern eine solche Schönheit verleihen kann, dass man ständig lächeln muss während des Lesens (zumindest ich muss das), zum Beispiel:

„Der Sommer hatte seine Höhe erreicht, und der Garten der Witwe duftete mitten in der sandigen und glühenden Umgebung triumphierend weit über seinen niederen Zaun hinaus, besonders am Abend, wenn vom nahen Waldrand die Vögel den schönen Tag lobten und aus dem Tal in der Stille nach dem Schluß der Fabriken der Fluß leise heraufrauschte.“

Seine Beschreibungen sind Gold wert und man bekommt von jeder Situation ein genaues Bild, was auch „Die Heimkehr“ so anschaulich macht.

Wer also beim Lesen gerne auf Sprache achtet, sich für eine Liebesgeschichte ohne zu großes Drama begeistern kann und kurze, aber farbige und gut beschriebene Erzählungen mag, sollte die Erzählung auf jeden Fall lesen (wobei man mit Hermann Hesse meiner Meinung nach nie etwas falsch macht) und wird daran mit Sicherheit Freude haben.

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